Selbstverschuldetes Versagen

Der taz-Journalist Andreas Zumach berichtet von der Medienfront

philtrat, 30.09.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 30, S. 16

philtrat

Tübingen, 1. September 1999. Nach der Demonstration anlässlich des Antikriegstages findet in der Universitätsstadt ein Vortrag zu Medien und Krieg mit dem Journalisten Andreas Zumach statt. Dabei kritisierte der in Genf arbeitende Journalist, der hauptsächlich für die tageszeitung schreibt, die Medien, die während des Krieges allzu leichtfertig die Produkte der NATO-Presseabteilung wiedergegeben hätten. Insbesondere die deutschen Medien hätten sich durch besonders unkritische Berichterstattung hervorgetan.

Einem größeren Publikum dürfte Andreas Zumach als der Journalist bekannt sein, der das Abkommen von Rambouillet bekannt gemacht hat, und damit auch den berüchtigten Annex B des Entwurfs, der de facto die militärische Besetzung ganz Jugoslawiens durch die NATO vorsah.

Im Juni letzten Jahres, so Zumach, sei er zu der Analyse gekommen, dass ein militärisches Eingreifen im Kosovo notwendig sei. Anders sei die Lage nicht mehr zu entschärfen gewesen. Doch seine Idee eines UNO-Protektorats unter massiver Beteiligung Russlands habe niemand aufgenommen. Zumach machte deutlich, dass er einen Luftkrieg, wie ihn die NATO dieses Jahr geführt hat, ablehnt.

Womit er auch gleich zum Thema Medien kommt. Insbesondere die USA hätten seit dem Vietnam-Krieg nichts dazu gelernt. Außer, wie sie Kriege besser verkaufen können. So habe im zweiten Golfkrieg das Pentagon mit 95 Prozent der amerikanischen Medien Knebelverträge abgeschlossen. Im Vergleich dazu habe es jetzt kaum Kriegsvorbereitungen im Medienbereich gegeben. Zumach nimmt das als Indiz, dass die NATO diesen Krieg eigentlich nicht habe führen wollen. Sie sei davon ausgegangen, dass eine Drohung reiche, um den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic zum Einlenken zu bringen. Im Ergebnis jedoch, so weiß der Journalist aus Gesprächen in Brüssel zu berichten, bewertet die NATO ihre Medienarbeit als gelungen. In den wichtigsten NATO-Ländern sei die Berichterstattung und Kommentierung im wesentlichen im Sinne der NATO gewesen.

Als Grund dafür sieht Zumach das Versagen der Medien. Zwar hätten die Medien gegenüber Nachrichten aus Belgrad große Skepsis gezeigt – natürlich nicht zu unrecht. Aber gegenüber der NATO habe es diese Skepsis kaum gegeben. Nach Untersuchungen, die inzwischen gemacht wurden, seien in den Medien die Begriffe und Wertungen der NATO zu 90 Prozent übernommen worden, wie beispielsweise der Begriff „humanitäre Intervention“.Ein Beispiel: Für den Einsatz von Uranbomben, den die NATO inzwischen auch zugeben hat, gibt es bereits Erfahrungen aus dem zweiten Golfkrieg. Die Zahl der an den Folgen Gestorbenen wird auf 100 000 geschätzt. Darüber hätte berichtet werden können. ExpertInnen hätten befragt werden können, wie sich die Urangeschosse auf Mensch und Umwelt in Jugoslawien – natürlich auch im Kosovo – auswirken werden. Nicht zuletzt: der Einsatz von Uranbomben dürfte gegen die Genfer Konvention verstoßen. Trotzdem habe es keine kritischen Nachfragen bei der NATO gegeben.

Die schlechteste Berichterstattung sei nach Zumachs Ansicht im Fernsehen gemacht worden. Schuld daran ist laut Zumach nicht zuletzt die technische Entwicklung: Heute ist es möglich, dass eine Einzelperson live aus jedem Winkel der Welt berichten kann. Dass würden die Redaktionen auch verlangen, um ihre Konkurrenz in Schnelligkeit zu schlagen. Dadurch bleibe für die JournalistInnen vor Ort kaum noch Zeit zur Recherche. Im Radio dagegen falle der Bilderdruck weg. Das mache die Sache etwas einfacher.

Nach Ländern sortiert hätten die deutschen Medien am schlechtesten abgeschnitten, findet Zumach, wobei er zugibt, dass er einen persönlichen Eindruck wiedergibt. Seiner Ansicht nach hingen die Bonner KorrespondentInnen zu sehr am „Mund des Auswärtigen Amtes oder des Regierungssprechers“. In den USA sei dagegen viel mehr Kritik am Krieg artikuliert worden, teilweise auch von konservativer Seite. In Italien seien ungefähr die Hälfte der Medien kritisch eingestellt gewesen. Der Extremfall sei Griechenland gewesen. Hier überwog die Ablehnung des Krieges deutlich, und zwar quer durch das politische Spektrum.

In einem Fall sei das Versagen der Medien besonders deutlich gewesen: beim Rambouillet-Abkommen. Hier weiß Zumach naturgemäß viel zu berichten. Als er den Entwurf des Abkommens in der taz veröffentlichte, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Version, die im Internet seit Ende Februar erhältlich war, auch authentisch war, bemerkte auch die taz-Redaktion nicht die Brisanz des Inhalts. Der Artikel erschien nur auf Seite 6. An diesem Tag, es war der 6. April, also schon nach Beginn des NATO-Krieges, riefen Mitglieder aller fünf Bundestagsfraktionen bei der taz an und erkundigten sich nach dem Original. Auch die Abgeordneten von SPD und Grünen hatten den Text vom Auswärtigen Amt – auch auf Nachfrage – nicht bekommen. Über diesen Vorfall erschien am 12. April ein Bericht auf Seite 1 der taz. Der Skandal war da: ein skandalöses Abkommen, dass vor der Öffentlichkeit versteckt worden war.

Der Artikel sollte Folgen haben. Die Erklärung der Regierung, dass alle nicht-militärischen Mittel ausgeschöpft worden seien, geriet ins Wanken. Dafür habe er sich eine tiefsitzende Feindschaft von Joschka Fischer und seinem Umfeld zugezogen, berichtet Zumach. Das habe er in zwanzig Jahren nicht erlebt, nicht mal bei Militärs. Beim NATO-Gipfel in Washington Ende April habe Fischer ihn auf einer Pressekonferenz vor allen Anwesenden grundlos fertiggemacht. Und keiner seiner KollegInnen habe protestiert, was Zumach eigentlich erwartet hätte.

Das Auswärtige Amt reagierte auf das Bekanntwerden des Textes mit dem Argument, dass der Text dem des Dayton-Abkommens entspreche. Diese Behauptung sei falsch, sagte Zumach. Aber alle Medien hätten sie nachgekaut. Im Übrigen, so das Auswärtige Amt, seien die Verhandlungen nicht an diesem Text gescheitert, sondern daran, dass die serbische Seite nicht über Sicherheitsfragen verhandeln wollte. Das habe er auch während der Verhandlungen aus Rambouillet berichtet. Aber dieser Text zeige doch, dass nicht alles probiert worden sei und dass die NATO geglaubt habe, dass allein die Drohung genüge.

Die taz bot nach Erscheinen des Artikels mit der Überschrift „Die Rambouillet-Lüge: Was wusste Joschka Fischer?“ dem Chef des Auswärtigen Amtes eine Art Gefälligkeitsinterview an. Fischer bat sich dabei aus, dass er nicht von Zumach oder der Bonner taz-Korrespondentin Bettina Gaus interviewt wird – eine für eine Zeitungsredaktion eigentlich unannehmbare Bedingung. Doch die taz ging darauf ein und schickte einen Journalisten, der, so Zumach, gerade aus dem Urlaub zurück gekommen sei und die nötigen kritischen Fragen nicht hatte stellen können.

Nach Zumachs Ansicht ist der Verlauf der Rambouillet-Verhandlungen auch nach Kriegsende immer noch nicht hinreichend geklärt. Die Regierungen hüllten sich nach wie vor in Schweigen. Und es gibt beispielsweise das Gerücht, dass die US-Außenministerin während der Verhandlungen gesagt habe, dass sie die Latte absichtlich genau so hoch hängen werde, dass die serbische Seite nicht zustimmen könne. Ein Gerücht, wie Zumach betont. Aber er fragt sich, warum da die großen Medien nicht recherchierten. Das könne die taz nicht, aber Medien wie der Spiegel hätten die Mittel, um einige JournalistInnen nach Berlin, Paris, London und Washington zu schicken und recherchieren zu lassen. Doch genau das tun sie nicht. Leute vom Spiegel hätten ihm gesagt, dass sie es sich nicht mit Joschka Fischer verscherzen wollten. Lieber wollten sie weiter zu Hintergrundgesprächen mit dem Minister eingeladen werden.

Nach seinem Vortrag sah sich Zumach noch mit kritischen Nachfragen aus dem Publikum zur Berichterstattung der taz konfrontiert. Doch die Frage ließ er so nicht gelten: Es gebe eben nicht ›die‹ taz. Auch die Redaktion der taz sei in der Frage des Krieges gespalten gewesen, genauso wie die Gesellschaft auch. Von seinem Kollegen Erich Rathfelder, dem Balkan-Korrespondenten der taz, hält Zumach allerdings nicht viel und sagt das auch: Rathfelder sei „möglicherweise zu lange“ auf dem Balkan und habe die Distanz zum Geschehen verloren. Anfang des Jahres hatte Rathfelder in der taz von einem Massaker berichtet, das gar nicht stattgefunden hatte. Rathfelder habe auch nur eine Quelle gehabt, so Zumach. Die journalistische Regel sei aber, nichts zu berichten, was nicht aus zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wurde. Das war „schlicht journalistisch schlecht“, so Zumach.


Autor: Dirk Eckert