„Durchs wilde Kurdistan“

Ein Gespräch mit dem studentischen Senatsvertreter Olaf Bartz

philtrat, 31.03.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 27, S. 4/5

Interview philtrat

Ein Jahr vertrat er zusammen mit Daniel Tiggemann die StudentInnenschaft im Senat: Olaf Bartz, Fachschaft Geschichte. Über seine Tätigkeit im Senat, die ProfessorInnen und Karl May sprach er im philtrat-Interview. Das Interview führte Dirk Eckert.

philtrat: Du warst jetzt ein Jahr lang im Senat. Wie bist Du in den Senat gekommen?

Bartz: Ich habe mit vielen anderen zusammen auf der Liste der Fachschaften und Autonomen Referate kandidiert. Und zum Zeitpunkt der Wahl, vor gut einem Jahr, war ich an der Philosophischen Fakultät relativ bekannt, weil ich während des Streiks die Vollversammlungen moderiert habe. So bin ich als zweite Person von dieser Liste in den Senat gewählt worden. Vorher ist allerdings noch jemand zurückgetreten.

philtrat: Was waren Deine Aufgaben als studentischer Vertreter im Senat?

Bartz: Im Senat sitzen der Rektor, die Dekane aller Fakultäten, von jeder Fakultät noch ein weiterer Professor, der Kanzler, die Frauenbeauftragte und dann, sozusagen als Zubrot, noch ein paar Leute der anderen universitären Statusgruppen. Also der sogenannte wissenschaftliche Mittelbau, die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und dazu insgesamt zwei StudentInnen für die gesamte Hochschule.

Der Senat hat im Prinzip zwei große Aufgabenbereiche: Der eine ist, einen Großteil der Entscheidungen, die schon in den einzelnen Fakultäten getroffen wurden, nochmal zu behandeln und ihnen den endgültigen Segen zu geben. Zweitens muß er über Angelegenheiten entscheiden, die die gesamte Universität betreffen. Zum ersten Block gehören vor allem Studienordnungen und Berufungslisten, also Neuberufungen von ProfessorInnen. Für die studentischen Senatoren geht es dann darum, herauszufinden, was die lokalen FachschaftsvertreterInnen am Fach dazu zu sagen haben und diese Argumente dann im Senat nochmal vorzubringen.

Zu dem anderen Bereich gehört zum Beispiel folgendes: Die Landesregierung hatte einen Entwurf für ein Landeshochschulgesetz vorgelegt. Die Universität sollte dazu eine Stellungnahme abgeben. Das hat dann der Senat erledigt, und da haben wir mitgewirkt.

philtrat: Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Bartz: Der Rektor hat Bescheid gegeben, daß eine solche Stellungnahme erarbeitet werden müsse, woraufhin der Senat eine kleine informelle Kommission eingerichtet hat, die diese Stellungnahme erarbeitet hat. Wir haben uns zweimal getroffen und sind uns natürlich über sehr wenige Punkte einig geworden, weil gerade die Interessen von Professoren auf der einen Seite und Studierenden auf der anderen sich häufig diametral gegenüberstehen. Es sind nur sehr wenige gemeinsame Punkte übriggeblieben. Die Lösung war, daß alle einzelnen Gruppen nach Wunsch noch eine eigene Stellungnahme beifügen konnten. Die studentische Stellungnahme wurde gemeinsam erarbeitet mit dem AStA und mit Leuten von der Uni-Fachschaftenkonferenz, dann an den Rektor geschickt und so ans Ministerium weitergeleitet. Dadurch kam sie in dem großen Briefumschlag von Universität und Rektor im Ministerium an und nicht „nur“ als Brief des AStA.

philtrat: Wie lief denn die Zusammenarbeit mit Fachschaften beziehungsweise mit dem SprecherInnenrat der Philosophischen Fakultät?

Bartz: Diese Universität ist riesig. Geht es im Senat um die Berufungsliste aus irgendeiner Fakultät, dann muß man erst mal herausfinden, wer zum Teufel da als studentisches Mitglied überhaupt in der Berufungskommission gesessen hat. In der Praxis hängt man sich ans Telefon, im schlimmsten Fall bis zu einigen Stunden, bis die Leute gefunden sind. Da ist es schwer zu sagen, welche Fakultätsvertretung am besten organisiert war. Das hat immer mal besser, mal schlechter geklappt. Aber letztlich ist es mir immer noch gelungen, die entsprechenden Meinungen herauszufinden.

Die Zusammenarbeit mit dem SprecherInnenrat war vergleichsweise normal, nichts besonders Gutes oder Schlechtes. Bis auf die Tatsache, daß der Phil-SprecherInnenrat im Verein mit dem entsprechenden Math.-Nat.-Gremium gegen Ende meiner Amtstätigkeit zwei Wochen lang ein anderes Schloß an der Tür zu seinen Räumen installiert hat und es aus meiner Ansicht völlig widersinnigen Erwägungen nicht für nötig hielt, mir einen Schlüssel zu geben, was mich natürlich gewaltig geärgert hat. Ich habe sonst immer die ganze Schreibarbeit und die Telefonate dort erledigt.

philtrat: Nach einem Jahr Senatstätigkeit: Wie groß sind denn real die Mitsprache- und Einflußmöglichkeiten der Studierenden an der Universität?

Bartz: Sie sind real sehr gering. Im Senat selber gibt es dreizehn stimmberechtigte Personen, davon sind acht ProfessorInnen. Würde man sich in den Senat stellen und ein Papier hochhalten mit der Aufschrift „Für diesen Antrag bitten wir jetzt um Zustimmung“ – sowas kann man meist völlig vergessen, das lohnt sich überhaupt nicht. Die dennoch mögliche Einflußnahme gestaltet sich etwas anders. Im Senat sitzen viele wichtige Leute der Universität, zum Beispiel der Kanzler mit beratender Stimme. Man trifft sich dort und kann immer im Vorfeld oder zwischendurch einzelne Dinge anbringen.

Um ein Beispiel zu nennen, das auch gerade für die Philosophische Fakultät interessant ist: das sogenannte Campus-Projekt, also der Bau von zu vermietenden kommerziellen kleinen Läden im Eingangsbereich des Philosophikums. Dazu hatten der SprecherInnenrat und die Phil-Fachschaftenkonferenz gesagt, daß sie sich in keiner Weise an Gesprächen und Verhandlungen beteiligen wollten, weil sie dieses Projekt grundsätzlich ablehnen und dem nicht den Schein demokratischer Legitimität verpassen wollten.

Zu dieser Entscheidung kann man stehen, wie man will. Aber: Wenn so eine große Baumaßnahme geplant ist, muß einfach darauf geachtet werden, daß gewisse Dinge eingebracht werden, die für die Studierenden zentral sind. Auf Initiative des Phil-Dekans, Walter Pape, wurde dann so verfahren, daß ich an den Runden-Tisch-Gesprächen teilgenommen habe, was im nachhinein gesehen auch äußerst wichtig war. In dem Abschlußdokument steht zum Beispiel, daß die Staatsexamensklausuren ohne Lärmbelästigung stattfinden können müssen, ein ganz elementarer Punkt. Wir haben uns darauf verständigt, daß die Bibliotheksöffnungszeiten nach Möglichkeit nach hinten verschoben werden sollen, damit man auch ohne Baulärm in der Bibliothek sitzen kann.

Ein anderes Beispiel, wie das im Senat so laufen kann: Es gab einen Antrag vom Verband der StudentInnen aus Kurdistan, in die Matrikel aufgenommen zu werden. Dies ist ein recht üblicher Vorgang. Studentische Gruppen stellen einen Antrag, der Senat muß darüber befinden, und wenn diese Gruppen dann in die Matrikel aufgenommen sind, haben sie Anspruch darauf, kostenlos Universitätsräume für Veranstaltungen nutzen zu können. Mit dem Verband der StudentInnen aus Kurdistan gab dort einige Schwierigkeiten, zum einen wegen des ganzen politischen Hintergrundes und dann auch, weil sie darauf bestanden, den Namen „Kurdistan“ im Titel zu tragen. Gerade die Professoren hatten einige Bedenken, ob das in dieser Form korrekt sei. Ich glaube, ich habe einen gewissen Beitrag dazu geleistet, daß die Gruppe in die Matrikel aufgenommen wurde, indem ich auf Karl Mays Durchs wilde Kurdistan verwiesen habe, was die Stimmung gleich aufgelockert hat. Und danach ging dieser Antrag ohne längere Diskussion durch. Leider muß man dazu sagen, daß die Univerwaltung dieser Gruppe auch jetzt noch Schwierigkeiten macht.

Oder: Vor nicht allzulanger Zeit hatte der Senat die Bildungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Gabriele Behler, eingeladen, um mit ihr, wenn auch nur eine Stunde lang, über ihren sogenannten Qualitätspakt zu diskutieren. Das war ursprünglich als nichtöffentliche Sitzung geplant gewesen, aber es ist mir dann gelungen, den Rektor und dann auch den Senat davon zu überzeugen, daß es doch sinnvoll wäre, wenn die vor der Tür wartenden etwa 40 bis 50 interessierten Studierenden auch Einlaß zu dieser Veranstaltung bekommen würden, um sich die Ministerin im Originalton anhören zu können.

Und neulich stand ein Punkt zur Abstimmung an, bei dem es um die Einführung eines neuen Softwaresystems für die Universitätsbibliothek ging. Der Senat konnte nicht viel mehr machen als den ganzen Vorgang abzunicken, weil es sich hauptsächlich um technische Details drehte. Ich habe die Gelegenheit genutzt, eine kleine Fensterrede zu halten, wie schlecht die elektronische Literaturerfassung der Kölner Universität im Vergleich zu vielen anderen Hochschulen in Land und Bund ist. Das hat dann dazu geführt, daß es mit einem der Verantwortlichen in der Universitätsbibliothek ein Gespräch gegeben hat, wo wir von Seiten der NutzerInnen verschiedene Punkte vorbringen konnten.

All das ist typisch dafür, wie so etwas im Senat läuft und wie man sich das in der Praxis vorzustellen hat. Da sitzen die sogenannten wichtigen Leute, die einen kennen, mit denen man kommunizieren kann und studentische Anliegen vorbringen kann.


Autor: Dirk Eckert