BILD und die Lasten der Geschichte

philtrat, 31.03.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 27, S. 15

Kommentar philtrat

„Die Bundesregierung hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht, schließlich stehen zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten im Kampfeinsatz.“ Die Botschaft von Kanzler Schröder vom Mittwoch Abend, dem Abend, an dem deutsche Kampfflugzeuge Bomben über Belgrad abwarfen, ist in der Redaktion der BILD-Zeitung angekommen. „Die Last des Krieges … schauen sie in ihre Gesichter … Angst um unsere Soldaten“ titelte das Blatt am folgenden Tag. Dazu die Gesichter von Schröder, Fischer und Scharping.

„Das Gesicht von Außenminister Fischer zerfurcht, ausgezehrt“. Was eigentlich seit Fischers Abmagerungskuhr nichts Neues ist, wird so zum Symbol einer ganzen Regierung. Denn auch den anderen geht es in diesen Stunden, wo die Last der Verantwortung für die deutschen Soldaten schwer auf den Schultern wiegt, nicht besser: „Der Kanzler schläft nur noch 4 Stunden die Nacht“ und „Scharping raucht seit Tagen wieder Kette“. In fetten Buchstaben folgt eine sinngemäße Wiedergabe der Kanzlerworte: „Tonnenschwer lastet auf allen die Verantwortung. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg sind deutsche Soldaten wieder im Kriegseinsatz.“

Wer die wahren „Opfer des Krieges“ sind, schildert auf Seite 2 BILD-Kommentator Udo Röbel. Schröder, Fischer und Scharping würden zu einer Generation gehören, „die ’68 gegen die ›Kriegsväter‹ rebellierte. Die gegen Vietnam auf die Straße ging. Die von Love & Peace träumte und sich damals schwor: Nie wieder Krieg! Nicht mit uns!“ Ausgerechnet dieser Generation bürde „die Geschichte nun die Last auf, erstmals wieder deutsche Soldaten ins Feuer zu schicken.“ Nachdem Röbel nun die Verantwortung einwandfrei bei „der Geschichte“ lokalisiert hat, kommt die Moral: „Tragisch? Verrückt? Aberwitzig? Der Geschichte ist es egal. Sie hat noch nie Rücksicht auf Einzelschicksale genommen.“

Nebenan Portraits der wichtigsten Offiziere, die „die Hauptlast der Verantwortung bei allen militärischen Luftoperationen“ tragen: „auf sie kommt es jetzt an“, so der Titel. Alle sind sie „erfahrene und verantwortungsbewußte Offiziere, keine Rambos. Sie wissen: Es geht um Leben und Tod von 4500 deutschen Soldaten!“

Einen Tag später: Die BILD-Zeitung inszeniert, wie die Nation um deutsche Piloten zittert: „Kommt heil nach Hause“, sorgt sich die Zeitung. Auf den nächsten Seiten Berichte über „unsere“ Soldaten in Mazedonien und deren Verwandte an der Heimatfront. Dazu eine Familiengeschichte: „Die Milosevics – eine schreckliche Familie“.

Daß der Krieg auch seine guten Seiten hat, erklärt der ehemalige Regierungssprecher Peter Boenisch: „Von den Engländern – besonders von der britischen Presse – bekommen wir Deutsche meist eine gewischt. Um so überraschender, wenn sie uns loben.“ Boenisch kann es kaum fassen, hat aber trotzdem eine Erklärung parat: „Und das tun sie, weil wir beim Kampf um Frieden im Kosovo von Anbeginn dabei sind. Die Briten begreifen, daß den Deutschen ’99 militärische Gewalt schwerfällt.“ Um in perfektem Deutsch fortzufahren: „Nix mehr Kaiser Wilhelm und Pickelhaube. Partner und Freunde im Bündnis.“ Ganze Sätze mit Prädikaten sind bei der Reduktion aufs Wesentliche eben manchmal hinderlich.


Autor: Dirk Eckert