„Im nächsten Semester noch mal streiken?“

Vier StreikaktivistInnen plaudern im philtrat-Gespräch aus dem Nähkästchen

philtrat, 31.12.1997, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 20, S. 8/9

Interview philtrat

Der Streik lebt durch die Leute, die ihn aktiv tragen. Für die philtrat sprachen Dirk Eckert und Eva-Maria Schnurr mit den Kerstin Klaumann, Alessandra Kartheuser, Boris Couchoud und Volker Elste über Infotische, Pressearbeit, Seminarsprengungen und die Frage, wie es weiter gehen soll.

philtrat: Alessandra, wie organisiert man denn einen Streik?

Alessandra: Das meiste lief ohne große Überlegung. Die Streikorganisation war in weiten Teilen ein Hangeln von Aufgabe zu Aufgabe. Wir haben vieles einfach mal ausprobiert. Ich wundere mich eigentlich, daß es da nicht mehr Pannen gegeben hat.

philtrat: Boris, was waren Deine Erfahrungen beim „Seminarsprengen“? Wie lief das, und mit welchen Reaktionen wurdest Du konfrontiert?

Boris: In den ersten zwei Tagen haben viele gar nicht mitgekriegt, daß gestreikt wird. Sie waren völlig überrascht, daß ihre Veranstaltung nicht stattfinden soll. Dann lief das „Sprengen“ aber fast ohne Probleme. Es gab natürlich auch, wie Herrn Brenner, Dozentinnen oder Dozenten, die während des ganzen Streiks ihre Veranstaltungen machen wollten. Aber mit langer Überredungsarbeit haben wir es eigentlich immer geschafft, daß keine Veranstaltungen stattgefunden haben.

philtrat: Gab es von Seiten der Dozentinnen und Dozenten denn Kooperationsbereitschaft, wenn Du in ihre Seminare kamst?

Boris: Für mich waren die Studierenden das größere Problem. Der Dozent, der muß arbeiten, daß ist klar. Aber ich wundere mich darüber, daß selbst viele Studierende gegen ihre eigenen Interessen handeln. Dann frage ich mich, für was setze ich mich hier eigentlich ein, wenn am Ende dann raus kommt: Wir Studierenden wollen das ja gar nicht.

philtrat: Welche Argumente kamen denn von diesen Studierenden?

Boris: „Ihr seid nicht legitimiert, eine VV ist lächerlich, Recht auf Bildung, ich muß jetzt studieren, weil ich Scheine brauche…“ Ich habe sogar von einem Studenten eine Morddrohung bekommen.

philtrat: Hattest Du denn das Gefühl, ihre Meinung ein bißchen beeinflussen zu können, wenn Du mit ihnen diskutiert hast?

Boris: Teilweise hat sich etwas getan. Manche Leute, die gemerkt haben, wie unsolidarisch sie sind und sich – ich sage mal: „geschämt“ – haben, sind einfach gegangen. Mit dem Argument, wenn der Streik beschlossen ist und die Mehrheit will das so, dann beugen wir uns der Masse.

philtrat: Volker, der Unmut der Studierenden gegenüber den Medien war ja gerade nach der ersten Woche sehr groß. Wie seid Ihr in der Öffentlichkeits-AG, als diejenigen, die den direkten Kontakt hatten, damit umgegangen?

Volker: Es war für uns schwierig, den Kontakt erst mal herzustellen, bzw. die Themen in den Vordergrund zu rücken, die für uns wichtig waren. Also andere Themen als Studiengebühren oder Geld: Die Punkte am HRG, die problematisch, in der Öffentlichkeit aber von wenig Interesse sind. Die Medien haben sich hauptsächlich auf Studiengebühren und die finanzielle Ausstattung der Hochschulen gestürzt.

philtrat: Wie schätzt Du generell die Reaktion der Medien ein?

Volker: Da muß man meiner Ansicht nach unterscheiden. Es gab einige Zeitungen, die haben gut berichtet -auch informativ – und andere, die den Streik doch eher als Freizeitbeschäftigung der Studierenden bezeichnet haben, wie ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Die Studis, die jedes Jahr im Herbst einmal demonstrieren, weil sie Spaß daran haben und weil es ein Einführungsritus ist für die Neuen…

Kerstin: Ja, das glaube ich auch. Es war schon ein sehr weit gefächertes Bild. Die Unterstellung, daß die Medien überhaupt nicht wußten, worum es uns ging, kann ich eigentlich nicht bestätigen. Was ich eher schockierend fand, war zum Beispiel der Spiegel, der gleich in der ersten Woche mit den Ansichten von Peter Glotz kam. Im Jahresrückblick von Spiegel TV hatte der Streik eine Minute, und am Ende hieß es dann: Die Studenten wollen keine Reformen, sondern schlicht mehr Geld. Sowas liegt meiner Ansicht nach nicht daran, daß die Medien schlecht informiert sind, sondern da wird ganz klar Gegenpolitik gemacht.

philtrat: Kerstin, was hast Du denn am Info-Point so alles erlebt? Was fandest Du lustig, worüber hast Du Dich geärgert?

Kerstin: Ich war während der ersten beiden Demos in Bonn und Düsseldorf in der Uni, damit dort der Streik weitergeht. Besonders da, aber auch gegen Ende des Streiks, war es schon lustig, daß die meisten nur noch kamen und fragten: Wie lange streikt Ihr denn noch? Das fand ich eine schöne Frage… Das hat doch relativ viel ausgesagt.

Alessandra: Am Info-Tisch war es schon sehr gemischt. Da hat man sehr direkt mitbekommen, wie die Stimmung unter den Leuten war. Auch von den Dozenten hat man viel mitbekommen, weil wir da immer die Anlaufstelle waren. Es war ein sehr direkter Kontakt.

Kerstin: Einmal war eine Schulklasse mit der Lehrerin da. Ich habe die in die VV eingeladen, danach haben wir uns kurz unterhalten. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, daß man in die Richtung noch viel mehr hätte machen können. Vieles würde ich anders machen. Oft sind Leute gekommen und haben gefragt: „Was können wir machen?“ Die erste Reaktion war: Da fehlt ein Streikposten, und da auch. Die fehlten natürlich wirklich, aber man hätte den Leuten auch sagen können: „Die AG trifft sich in einer halben Stunde, geh doch mal dahin“. Die AGs haben sich sehr schnell auf eine feste Gruppe eingefahren, und da hätte man neuen Leuten mehr Hilfestellung geben können.

philtrat: Was war für Euch die persönliche Motivation für den Streik?

Kerstin: Ich habe nie daran geglaubt, daß das HRG in irgendeiner Weise geändert wird. Das war auch nicht meine Motivation. Mir geht es um den Zusammenhang von Bildungs- und Sozialabbau. Ich finde die finanziellen Forderungen berechtigt, denke aber, daß strukturelle Hochschulreformen anstehen, daß man einen Gegenentwurf zum kapitalistischen Konzept des HRG entwirft und daß man der konservativen Politik konstruktiv entgegenwirkt. Im Gegensatz zu vielen Seminaren fand ich den Streik sehr konkret und wollte mich dann auch beteiligen. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch keine Veranlassung zu sagen, der Streik wäre gescheitert oder zu Ende. Der Politisierungsprozeß, ein großer Erfolg des Streiks, läuft ja gerade erst warm.

Boris: Für mich war es das Gefühl: Jetzt muß sich mal jeder mit Politik beschäftigen und muß darüber nachdenken, ob das, was in diesem Land läuft, so richtig ist. Was kann ich persönlich tun und ändern. Wir müssen unserem Staat nicht immer alles abkaufen, was er sagt, sondern müssen selber dagegen antreten. Der Streik war eine sehr große Bewegung, die hatte Auswirkungen, und für mich ist es wichtig, daß sie nicht verebbt, sondern daß sie stärker wird. Denn vieles hat wirklich gerade erst angefangen, und wenn das HRG durchkommt, dann ist es doppelt wichtig, daß wir weitermachen, in welcher Form auch immer.

Volker: Mir ging es um eine Strukturreform der Hochschulen, und bei diesem Streik fand ich besonders positiv, daß es nicht nur eine Anti-Haltung gab, sondern daß produktive Ziele verfolgt wurden. Das war für mich einer der wichtigsten Punkte, und ich hätte mich wahrscheinlich auch wieder ausgeklinkt, wenn wir uns nur für die Beibehaltung des Status Quo eingesetzt hätten.

Alessandra: Ich fand es wichtig, daß die Leute sich informiert haben, über das, was mit ihnen geschieht. Daß nicht einfach ein neues Gesetz da ist, und da ist dann nichts mehr dran zu ändern. Eine andere Motivation war: Ich werde bald fertig sein, aber es kommen ja auch viele nach, die sich noch nicht so engagieren können.

philtrat: Wie bewertet Ihr die Stimmung unter den Studierenden während des Streiks?

Alessandra: Ich denke die Stimmung hat sich sehr gewandelt. Am Anfang hat sich das auf einem sehr starken Wir-Gefühl aufgebaut. Wir – die Studierenden – machen jetzt was. Das fand ich nicht so toll, denn ich denke, das trägt nicht. Gut war, daß Leute auch noch nach einiger Zeit neu dazugestoßen sind. Es gab auch nach einer Woche noch Motivation, wobei die Stimmung ziemlich schnell gesunken ist. Eine Woche streiken ist cool, du gehst auf die Straße, machst eine Demo mit, aber dann setzt das Nachdenken ein: Was ist mit den Scheinen? Dann geht es nicht mehr um das Gemeinsame, sondern dann wird es sehr persönlich, jeder schaut, wie es bei ihm aussieht.

philtrat: Wie bewertet Ihr die Reaktionen auf die Frauen-AG in den Vollversammlungen oder bei der Demo in Düsseldorf?

Alessandra: Schon zu Beginn, in einer der ersten VVs, in der die AG ihre Arbeit vorgestellt hat, habe ich die Reaktionen als sehr negativ empfunden: es wurde erst mal gepfiffen. Es gab jedenfalls kein offenes Ohr für diese AG. Ich glaube nicht, daß alle dieser Gruppe gegenüber von vornherein negativ eingestellt waren. Aber es gab eben ein paar, die sich dadurch hervorgetan haben, daß sie Frauengruppen scheiße finden.

Kerstin: Ich glaube, daß gerade dies Phänomen Frauengruppe, wo Männer nichts zu suchen haben, etwas ist, was vielen aufstößt. Ich habe aber auch das Gefühl, daß viele einfach vermeiden wollten, daß jeder wieder seine persönlichen Anliegen in den Vordergrund stellt. Und argumentiert haben, daß das HRG nicht unmittelbar mit dem Thema zusammenhängt, was ich eigentlich sehr traurig finde, denn es ist natürlich höchst relevant.

Boris: Für mich waren auch die Forderungen in dieser Kraßheit abschreckend. Daß die Leute auf der VV immer wieder insistieren, daß es das große „I“ sein muß. Und wenn du auf der VV dann von Studenten redest, wirst du schief angeguckt, und es kommt sofort der Ruf: „Auch Studentinnen!“.

philtrat: Man wurde doch auf der VV nicht schräg angeschaut, wenn man „Studenten“ sagte. Aber in der Streikzeit, wo es geschrieben stand, wurden meistens nur männliche Formulierungen benutzt.

Boris: Da finde ich es auch nicht richtig. Aber wenn ich rede, ist das etwas anderes.

Alessandra: Es geht ja auch nicht darum, irgendwelche feministischen Positionen zu rechtfertigen, sondern es geht um die Reaktionen.

Boris: Eben, und daher verstehe ich die Reaktionen der Leute. Ich kann meinen Sprachgebrauch nicht sofort umstellen.

Alessandra: Die Forderung nach einem großen „I“ finde ich nicht dramatisch. Darüber braucht man sich auch nicht zu unterhalten. Aber es ist ja nicht so, daß die Frauengruppe jetzt geschnitten oder nicht ernstgenommen wird. Es gab auch Leute, denen einige Forderungen vielleicht zu weit gingen, die sich aber damit auseinandergesetzt haben.

Kerstin: Auf der Demo in Düsseldorf waren viele, die die Frau auf der Bühne solange ausgebuht haben, bis sie keine Lust mehr hatte. Ich denke, daß das mit dem Emanzenbild zusammenhängt und mit dem ewigen Herumreiten auf dem großen „I“. Und daß das Dinge sind, die viele – auch Frauen – stören. Und wenn diese Leute dann im Streik in der ersten VV erst mal wieder ihre Rechte proklamieren, sind die Leute damit nicht einverstanden. Das finde ich sehr schade, weil das der Sache nicht gerecht wird.

Volker: Ich denke, daß das typisch männliche Zwischenrufe waren…

philtrat: …das waren aber sehr viele typisch männliche Zwischenrufe…

Volker: …es gibt nun mal sehr viele typisch männliche Zwischenrufer. Aber in einer ernsthaften Auseinandersetzung ist die Akzeptanz auf jeden Fall da.

philtrat: Werfen wir mal eine Blick in die Zukunft. Wie stellt Ihr euch vor, daß der Streik weiterlaufen wird oder kann? Was sind Eure Perspektiven?

Volker: Im Vordergrund muß meiner Ansicht nach die weitere Arbeit in den verschiedenen AGs stehen. Man muß versuchen, die Forderungen in die Politik zu tragen. Das HRG wird vermutlich nicht genau in der geplanten Form verabschiedet werden, aber es wird höchstens kleine Änderungen geben. Und dann muß man auf der Länderebene versuchen, die Forderungen weiter durchzusetzen.

Boris: Auf der einen Seite sage ich mir, wenn das HRG durchkommt, und wir tun dagegen nichts mehr, also wir streiken nicht mehr gegen dieses Gesetz, dann machen wir es jedem Streik, der nach uns kommt, doppelt schwer. Weil wir den Politikern ein einfaches Rezept geben: Bringt das Gesetz durch, und danach sind die Studis ruhig. Das dürfen wir nicht machen. Auf der anderen Seite stimme ich Volker zu, daß wir auf Länderebene weiter arbeiten müssen. Daher bin ich dafür, daß wir im nächsten Semester noch mal streiken. Auch auf Bundesebene kann noch etwas passieren. Jedes Gesetz kann auch wieder geändert werden.

Kerstin: Ich denke, daß jetzt eine neue – aber sehr wichtige – Phase eintritt, nämlich die Phase, wo man nicht nur in vereinzelten Aktionen auf sich aufmerksam macht, sondern eine Phase, in der z.B. auch geisteswissenschaftliche Arbeit gefragt ist. Es geht also nicht nur darum, das HRG konkret weiter zu bekämpfen, sondern sich Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn das Gesetz in Kraft tritt. Wenn wir wieder einschlafen, machen wir uns dagegen nicht nur vor uns selbst lächerlich.

philtrat: Vielen Dank für das Gespräch.

Alessandra Kartheuser, 23 Jahre, studiert Spanisch und Deutsch auf Lehramt. Sie engagierte sich in der Streikbewegung und saß am Infotisch.

Boris Couchoud, 22 Jahre, studiert Geschichte, Geographie und Sozialwissenschaften auf Lehramt. Außer als „Sprengmeister“ war er noch Deligierter bei den kölnweiten Koordinierungstreffen.

Kerstin Klaumann ist 26 Jahre und studiert Ethnologie, Afrikanistik und Germanistik. Im Streik saß sie am Infotisch und arbeitete in der Öffentlichkeits-AG.

Volker Elste studiert Geschichte und Anglistik. Der 28jährige arbeitet in der Presse-AG und war bereits vorher in der Fachschaft Geschichte aktiv.


Autor: Dirk Eckert und Eva-Maria Schnurr