On the road mit der Bundeswehr

Auf YouTube setzt die Bundeswehr ihren Einsatz in Mali in Szene

Telepolis, 27.10.2017

Telepolis

Jetzt also Wüstensand. Nicht mehr Kaserne an der Ostsee und Nachtmärsche im deutschen Wald, stattdessen Mali in Westafrika. Die Bundeswehr zeigt seit einer Woche ihre neue YouTube-Serie „Bundeswehr Exklusive – Mali“[1]. Vergangenes Jahr war eine erste Staffel unter dem Titel „Die Rekruten“ gelaufen. Doch die Ausbildung ist jetzt beendet, danach kommt der Einsatz. Schon in diesem Setting steckt die erste Message: Auslandseinsätze sind eben heute normal.

Die erste Staffel der „Rekruten“ kam nicht überall gut an. Ursula von Leyens Dschungelcamp, spotteten[2] einige und machten sich darüber lustig, wann der erste Rekrut aus dem Camp gewählt wird. Solche Kritik ist nach den ersten Folgen von „Mali“ ausgeblieben. Diesmal ist alles anders: Die Bundeswehr ist diesmal sozusagen on the road, es gibt Gefahr, Wüstensand und Abenteuer: Giftige Skorpione, moderne Militärcamps mit Jeeps, Hubschraubern und Muckibude. „Mali“ – die YouTube-Serie, nicht das Land – ist irgendwas zwischen Roadmovie, Dokumentation und Scripted Reality.

Die Handkamera immer dabei

Immer schön mit der Handkamera gefilmt soll die Serie vor allem Nähe schaffen. Zwar sind die Protagonisten nicht die gleichen wie in der ersten Staffel, aber die Macher setzen wieder auf bewährte Privatfernseh-Optik, um zu zeigen: Seht her, es sind Jungs wie Du und Deine Kumpels. Das Ziel ist klar: „Wir wollen die Scheu und die Bedenken vor Auslandseinsätzen abbauen, indem wir ein realistisches Bild von den Auslandseinsätzen zeige, auch den banalen, langweiligen Alltag im Camp“, sagte[3] Bundeswehr-Pressesprecher Dirk Feldhaus.

Deshalb können die Soldaten auch mal frei von der Leber weg erzählen, was ihnen gerade durch den Kopf geht, wenn sie Abschied nehmen von ihrer Familie: „Es ist immer Scheiße, sich zu verabschieden“, meint einer. „Gehört halt dazu.“

Vier Monate sind die Soldaten in Mali als Teil der UN-Mission MUNISMA. „Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass die Alpen im Sommer wesentlich attraktiver sind als Mali“, meint ein anderer Soldat. In Mali gelandet, müssen die Soldaten bei 44 Grad noch Schutzwesten. „Es ist alles nicht so schlimm, wie man hört“, kalauert einer zur Begrüßung in die Stadt Gao, im Camp Castor: „Es ist schlimmer.“

Überleben in der Wüste

Erste Erkundungsfahrten vor Ort zeigen eine exotische, fremde Welt. „Faszinierend, wie die Menschen in so einer Umgebung überleben können“, meint ein deutscher Soldat, als er die Einheimischen in der staubtrockenen Landschaft sieht. Zum Glück bietet das Lager mehr Komfort, zumal, wenn man es noch herrichtet: Ein Soldat hängt erst mal seine Thüringen-Flagge auf. Ein anderer hat sogar seine eigene Bettwäsche dabei.

Mit einer Einführung in Land und Auftrag geht es weiter. „Wir haben hier im Lager die tödlichsten Skorpione weltweit“, warnt ein Offizier. Also aufpassen, es gibt kein Gegengift gegen den Gelben Mittelmeerskorpion. Des Weiteren gilt ein striktes Alkoholverbot, um sich an die kulturellen Gepflogenheiten anzupassen, was wohl in Afghanistan anders[4] war. Und dann zum Auftrag: „Gewährleisten von Sicherheit – Schutz der Zivilbevölkerung – Schutz der Menschenrechte – verhindern der Rückkehr von bewaffneten, feindlich gesinnten Kräften in die Großstädte“, steht da an der Wand.

Auftrag Stabilität?

Das ist jedoch eine ziemlich grobe Kurzfassung von dem, was in Resolution 2100[5] steht, die der UN-Sicherheitsrat am 25. April 2013 verabschiedet hat. Das Mandat von MUNISMA wird unter Punkt 16 ausgeführt. Schutz von Stabilität, Zivilbevölkerung und Menschenrechten sind die ersten Teilbereiche des Mandats. Zu verhindern, dass bewaffnete, feindlich gesinnte Kräfte zurückkehren, fällt als Unterpunkt unter Stabilität.

Etwas anders klingt der Auftrag in der YouTube-Spezialfolge „Warum ist die Bundeswehr in Mali?“ Rund 900 deutsche Soldaten nehmen derzeit an MINUSMA teil, von 15.000 insgesamt. Ihr Auftrag ist Aufklärung mit Drohnen und Hubschraubern. Nicht nur für Mali und seine Menschen sei der Einsatz wichtig, sondern auch für Deutschland als Mitglied der Vereinten Nationen, heißt es da: Durch das Land verläuft eine Route für Waffen- und Menschenschmuggel Richtung Libyen und damit zum Mittelmeer und nach Europa.

Verschlechterte Sicherheitslage

Der Einsatz sei „einer der gefährlichsten Einsätze der Vereinten Nationen, wenn nicht der gefährlichste überhaupt“, heißt es weiter. Wie gefährlich, das wird freilich nicht so genau erklärt. Dabei hat erst am 28. September der UN-Generalsekretär einen Bericht zur Lage[6] erstellt. Dort heißt es: „Die politische Lage und die Sicherheitslage haben sich signifikant verschlechtert seit meinen letzten Report (S/2017/478) und der Annahme von Resolution 2364 am 29. Juni.“

Aber Dokumente sind nichts für eine YouTube-Serie, da setzt die Bundeswehr lieber auf das unmittelbare Erleben. Eines Nachts wird zum Beispiel Alarm ausgerufen. Ein Angriff auf das Lager droht, alle springen aus den Feldbetten, später muss die Kamera ausgemacht werden.

Am Morgen ist nur klar, dass der Angriff ausblieb. Wie überhaupt den Soldaten vieles unklar ist: Wer kann schon die verschiedenen Gruppen von Islamisten und Tuareg-Aufständischen mit ihren Gruppen und Untergruppen unterscheiden? „Für mich und für die anderen ist das überhaupt nicht durchschaubar“, erzählt ein Soldat in die Videokamera.

Nicht Bildung, sondern Nachwuchswerbung

Das ist menschlich nachvollziehbar, macht die Serie jedoch nicht zum Bildungsprogramm. Das ist aber auch gar nicht das Ziel der Bundeswehr, denn ihr geht es um Nachwuchsgewinnung. 6,5 Millionen Euro kostet die aktuelle Werbekampagne, in die Produktion der Mali-Serie floss nur ein Teil davon, nämlich 2 Millionen. Das Verteidigungsministerium verweist auf den Erfolg der „Rekruten“: Nach der ersten Staffel sei die Zahl der Bewerber um 20 Prozent angestiegen, bei YouTube habe die Serie mehr als 45 Millionen Views und 270.000 Abonnenten gehabt.

Aktuell hat der YouTube-Kanal „Bundeswehr Exclusive“ rund 290.000 Abonnenten. Einige Spezialfolgen, etwa der offizielle Kinospot oder Homestorys mit den Soldaten Michael und Marko liegen bei 100.000-150.000 Klicks. Am besten abgeschnitten hat bisher die erste Folge: 634.000 Menschen schauten zu, als es los ging mit der Abreise aus Deutschland. Das war wohl Neugier auf das neue Format. Danach gingen die Zuschauerzahlen sofort zurück und liegen in der ersten Woche stabil bei rund 350.000 je Folge.

Interaktiv dabei, aber nicht live

Um die Werbebotschaft beim jungen Publikum zu platzieren, setzt die Mali-Serie neben Actionfilm-Ästhetik kombiniert mit Reality-Doku-Kamera auch auf einen eigenen Soundtrack. Man kann ihn bei Spotify als Playlist[7]anhören. „Wir wollen mit unserem neuen Social Media Projekt ‚Mali‘ den Auslandseinsatz der Bundeswehr erlebbar machen, aus der Perspektive unserer Soldatinnen und Soldaten. So hat Deutschland einen Auslandseinsatz der Bundeswehr noch nicht gesehen“, erklärt[8] Pressesprecher Feldhaus.

Die Zuschauer können bzw. sollen sich auch interaktiv einbinden lassen: „Willst Du hautnah dabei sein“, heißt es bei YouTube. „Diese Kombination aus YouTube-Filmen und Facebook-Nachrichten schafft ein innovatives Serienerlebnis mit zwei parallelen Erzählweisen. Damit geht die Bundeswehr völlig neue Wege in der Social-Media Kommunikation mit der Generation Youtube“, so Sprecher Dirk Feldhaus.

Konkret sieht das dann so aus: Meldet man sich beim „Malibot“[9] an, einem Messenger-Dienst bei Facebook, wird man sofort virtuell zwangsrekrutiert: „ACHTUNG, Kamerad Eckert! Ich bin MaliBot. Chatbot der Bundeswehr und dein direkter Draht in den Auslandseinsatz nach Mali!“, heißt es dort zum Beispiel zur Begrüßung. „Parallel zur Serie halten dich deine Kameradinnen und Kameraden hier auf dem Laufenden.“

Das hat schon für einige Verwirrung gesorgt. Offenbar gab es besorgte Nachfragen[10], ob es wirklich so clever ist, Einsatzdetails live ins World Wide Web zu stellen. Die Bundeswehr gab jedoch Entwarnung: Man sende „aus Sicherheitsgründen nicht live, aber in Echtzeit – und zwar 24/7“. Es ist eben doch eine Show.

Kritik am Abenteuerspielplatz

Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Hintergründe. Wie kam es überhaupt zum Krieg in Mali, was spricht für den Einsatz der Bundeswehr, was dagegen? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hält die YouTube-Serie der Bundeswehr deshalb für ungeeignet in der Bildungsarbeit. Es gehe wie „auf einen Abenteuerspielplatz“ zu, „im Stil von Mission Impossible“, kritisiert[11] GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. „Eine solche Serie ist dem Ernst der Lage nicht angemessen.“

Eins soll diesmal allerdings anders werden: Die Themen Tod und Verwundung werden in späteren Folgen noch thematisiert werden, verspricht die Bundeswehr. Auch deswegen hatte es an der ersten Staffel Kritik gegeben. In der zweiten Staffel kommt die Bundeswehr gar nicht um das Thema herum. Schließlich war Ende Juli ein Bundeswehr-Kampfhubschrauber vom Typ „Tiger“ in Mali abgestürzt, zwei Bundeswehrpiloten kamen dabei ums Leben.

Absturz als Quotenbringer

Der „tragische Absturz“ werde „mit der nötigen Sensibilität thematisiert“, sagte[12] Holger Neumann, stellvertretender Sprecher des Verteidigungsministeriums, vor der Bundespressekonferenz laut „Augengeradeaus“.

Offenbar benutzt die Bundeswehr den Absturz jetzt, um die Spannung zu erhöhen. Denn Neumann erklärte auf Nachfrage weiter: „Ich kann Sie nur vertrösten und auffordern, diese Serie zu verfolgen. Das wird in einer Folge sein, die natürlich nicht am Anfang, sondern gegen Ende der Serie läuft.“

Links in diesem Artikel:

[1] https://www.youtube.com/channel/UCZPAni75bkLnjGO8yhuJpdw/videos
[2] http://www.heise.de/tp/features/Soldaten-wie-Du-und-Ich-3460805.html
[3] http://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/bundeswehr-youtube-serie-mali-100.html
[4] http://augengeradeaus.net/2017/10/reality-tv-aus-dem-mali-einsatz-willkommen-auf-dem-mars-hier-ists-schoen/
[5] http://www.un.org/en/peacekeeping/missions/minusma/documents/mali%20_2100_E_.pdf
[6] https://undocs.org/S/2017/811
[7] http://open.spotify.com/user/bundeswehrexclusive/playlist/6higyFvlK9HioYE84b0vgp
[8] https://www.bmvg.de/resource/blob/18704/42946cd3bee94267ed8ee7a6ae56c559/17-10-11-nach-rekruten-kommt-mali-data.pdf
[9] http://www.messenger.com/t/BundeswehrExclusive
[10] http://augengeradeaus.net/2017/10/nachwuchswerbung-die-bundeswehr-und-die-echtzeit/
[11] http://www.jungewelt.de/artikel/320146.gewerkschaftskritik-an-bundeswehr-werbung.html
[12] http://augengeradeaus.net/2017/10/reality-tv-aus-dem-mali-einsatz-willkommen-auf-dem-mars-hier-ists-schoen/

 


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/-3873788