Archäologen sichern Funde heute mit 3D-Scannern

Bei den Ausgrabungen des jüdischen Viertels am Kölner Rathaus arbeiten die Archäologen mit 3D-Scannern. Vor allem Teile der Synagoge werden im LVR-Museum in Bonn eingescannt. Die Archäologen können so das Gebäude virtuell wieder auferstehen lassen. Und die Original-Funde bleiben sicher verwahrt im Depot.

Bei den Ausgrabungen des jüdischen Viertels am Kölner Rathaus arbeiten die Archäologen mit 3D-Scannern. Vor allem Teile der Synagoge werden im LVR-Museum in Bonn eingescannt. Die Archäologen können so das Gebäude virtuell wieder auferstehen lassen. Und die Original-Funde bleiben sicher verwahrt im Depot.Leonardo (WDR5), 04.07.2017

Radio Reportage WDR

O-Ton Scanner

Ein Scanner bei der Arbeit. Das hört sich auch bei Archäologen kaum anders an als im heimischen Büro. Doch was Olivia Straub da im LVR-Landesmuseum in Bonn einscannt, ist kein Blatt Papier. Es ist ein Tongefäß, das farblich an eine unbemahlte Amphore ohne Hals erinnert. Der helbraune, antike Topf steht auf einer Scheibe, eine Kamera und ein Sensor sind darauf gerichtet. Olivia Straub startet und schon sendet der Sensor seine Lichtsignale aus:

O-Ton Straub:

„Das hier ist der Streifenlichtscanner. Man positioniert ein Objekt auf den Tisch, und wenn man den Scanner startet, projiziert er ein Streifenlichtmuster aufs Objekt. Die Muster werden gebeugt und dadurch wird die Oberfläche aufgenommen. Er zeigt mir dann hier am Rechner eine Punktwolke an. Und erst wenn ich die weiterverarbeite, werden da halt Dreiecknetze draus errechnet. Und das ist dann die gescannte Oberfläche.“

Am Computer erscheint der Topf. Olivia Straub, von Beruf Archäotechnikerin und Zeichnerin, muss das Bild noch nachbearbeiten und dann ist das Objekt digital archiviert. Im LVR-Landesmuseum werden inzwischen viele Funde auch digital erfasst. Am Computer lassen sich die einzelnen Teile dann weiter bearbeiten. Einzelne Vasen können virtuell genau so zusammengesetzt werden wie ganze Gebäude, erklärt LVR- Abteilungsleiter Michael Schmauder:

O-Ton Schmauder:

„Gerade zur Sicherung von Kulturgütern bietet das eben eine einzigartige Möglichkeit, die wir in der Art und Weise eben bisher noch nie gehabt haben.“

Besonders ausgiebig nutzen Archäologen das Scan-Verfahren gerade bei der Ausgrabung der mittelalterlichen Synagoge in Köln. Dort erforschen Wissenschaftler vom Landschaftsverband Rheinland die Geschichte dieser urkundlich erstmals 321 n. Chr. erwähnten jüdischen Gemeinde. Im Mittelalter wurden die Juden für die Pest verantwortlich gemacht, vertrieben und die Synagoge zerstört. Die Spuren dieses antisemitischen Pogroms sind noch immer zu finden. Der Archäologe Michael Wiehen zeigt sie in seinem Büro:

O-Ton Wiehen:

„Aus dem großen Fundus der mittelalterlichen Funde, hier aus der Zerstörungsschicht des Pogroms von 1349, der Fuß eines bronzenen Leuchters in der Form eines Drachen. Man kann erkennen, dass die Flügel an den Körper angelegt sind, die beiden Vorderbeine sind zu sehen und der Kopf ist zwischen den Vorderbeinen auf den Boden gelegt. Der Fuß eines ursprünglich frühen gotischen Leuchters.“

Über 2000 solcher Fragmente haben Archäologen bis heute gefunden, ein Teil davon wurde in Bonn eingescannt. Auf die gespeicherten Daten kann Sebastian Ristow jetzt von seinem Rechner aus zugreifen, während das Original sicher verwahrt in einem Depot liegt. Der Archäologe erforscht vor allem die Kanzel der mittelalterlichen Synagoge, die Bima, wo aus der Tora gelesen wurde:

O-Ton Ristow:

„Bei der Zerstörung der Synagoge 1349, bei dem großen Pogrom, ist die Innenausstattung kurz und klein geschlagen worden. Es hat auch gebrannt, wir haben Brandspuren an den Fragmenten, reichlich. Und diese vielen zerstörten Teile, die bearbeiten wir dann hinterher extra.“

Die alte Synagoge wollen die Wissenschaftler jetzt virtuell wieder rekonstruieren. Dazu werden die eingescannten Funde in einem Seminar an der TH Darmstadt am Computer wieder Stück für Stück zusammengesetzt,erklärt Ristow, während er sich durch die Bilddateien der verschiedenen Fragmente klickt:

O-Ton Ristow:

„Das sind jetzt Fragmente der Bima. Hier unten haben Sie den Sockel und Basen der Stützen. Man kann jetzt, um zum Beispiel Maßverhältnisse zu bekommen, versuchen, diese Bruchstücke so zu platzieren, dass sie in ein gotisches Maßwerk passen. Und dann kommt man zu verschiedenen Möglichkeiten, die Spitzbögen auszubilden, zu verschiedenen Radien. Also, man kann kurz gefasst, im Nachhinein rekonstruieren, was die Bauleute des 13. Jahrhunderts konstruiert haben.“

Nicht alle Funde schaffen es auf den Teller des Streiflichtsanners, denn das Scannen ist ziemlich aufwendig. Eine dreiviertel Stunde dauert es, einen einfachen Topf zu scannen. Ständig muss Fachpersonal dabei sein, um zu überprüfen, ob die automatische Erfassung funktioniert oder ob das Objekt beim Scannen besser von Hand gedreht wird. Außerdem lassen sich nicht alle Funde scannen, sagt Michael Schmauder:

O-Ton Schmauder:

„Scannen kann man im Prinzip alle Objekte, die keine stark reflektierenden Oberflächen haben und sich nicht bewegen. Weil bewegen bedeutet natürlich, dass sich der Scanner nicht dadrauf fokussieren kann. Und reflektieren bedeutet, dass einfach die Information zurückgeworfen wird. Und dann kriegt man eben kein sauberes Bild. Dann wird das ein Problem, das eben vor allem bei Glas besteht oder auch bei glänzenden Metalloberflächen. Da gibt es bisher noch keine wirkliche Lösung, wie man das in den Griff bekommt. Aber das ist auch etwas, wo natürlich die Firmen dran arbeiten. Also ideal ist es für alles, was matt ist, was matte Oberflächen hat.“

Deshalb verzichten die Archäologen auch heute nicht auf Fotografien und vor allem nicht auf Zeichnen. Ihrer Erfahrung nach ergänzen sich alte und neue Methoden sehr gut. Wer zeichnet, schaut genau hin. Und macht vielleicht so die eine oder andere Entdeckung, die beim Scannen übersehen worden wäre.

 


Autor: Dirk Eckert

MP3: http://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/141/1411599/wdr5leonardo_2017-07-04_wdr5leonardoganzesendung04072017_wdr5.mp3