Ausländische Marine-Stützpunkte nur noch eine Frage der Zeit? Chinas Aufstieg zur Weltmacht

Die in den vergangenen Jahren stark gewachsene chinesische Volkswirtschaft ist genauso wie die der westlichen Industriestaaten abhängig von Öllieferungen aus Nahost. Da könnte ein Angebot gerade recht kommen, das Peking von den Seychellen erhalten hat. Beim Besuch des chinesischen Verteidigungsministers Liang Guanglie im vergangenen Jahr lud die Regierung des Inselstaates China ein, dort eine dauerhafte militärische Präsenz zu errichten, um von den Seychellen aus die Piraterie besser bekämpfen zu können.

Offiziell unterhält China keine Militärstützpunkte im Ausland. Noch nicht, muss man dazu sagen. Denn Peking hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Aktivitäten entfaltet, seinen Einfluss auf See auszudehnen. Schon heute fahren chinesische Schiffe wieder auf denselben Routen in den Persischen Golf und nach Ostafrika, die seinerzeit von dem legendären chinesischen Admiral Zheng He befahren worden sind, bevor China 1434 diese Übersee-Expeditionen wieder einstellte und sich auf Ostasien konzentrierte. Heute importiert China Öl aus Westafrika, aus dem Sudan in Ostafrika und aus dem Iran.

Zudem investiert China in strategisch günstig gelegene Häfen. Im pakistanischen Gwadar wurde 2007 ein mit chinesischer Hilfe gebauter Tiefseehafen eingeweiht. Und im vergangenen Jahr bot der pakistanische Verteidigungsminister China an, dort einen Marinestützpunkt einzurichten. Das Angebot war sicher auch als Drohung an die Vereinigten Staaten zu verstehen. Die Offerte kam nämlich kurz nachdem amerikanische Spezialeinheiten Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan getötet hatten. Für China hätte der Stützpunkt enormen Reiz: Gwadar liegt nur rund 400 Kilometer von der Straße von Hormus entfernt, die für die Öltransporte aus dem Persischen Golf so bedeutsam ist. Außerdem gibt es mit dem Karakorum Highway eine direkte Landverbindung von Pakistan bis in den Westen Chinas nach Kaschgar in der Provinz Xinjiang. Damit ließe sich die Straße von Malaka umgehen, das Nadelöhr für den internationalen Schiffsverkehr zwischen der malaiischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra.

Weitere strategische Häfen liegen in den Malediven, Bangladesch, Birma, Kenia, und Sri Lanka. Außerdem baute China die Zusammenarbeit mit Ländern aus, die von Öl-Tankern auf ihrem Weg vom Persischen Golf nach China passiert werden. Das US-Verteidigungsministerium hat für die verschiedenen Häfen die Bezeichnung Perlenkette geprägt, englisch „string of pearls“ – weil sich die Häfen auf der Karte wie Perlen auf einer Kette von China aus um den indischen Subkontinent herum bis nach Ostafrika aufreihen. Der Begriff tauchte erstmals 2005 in dem Bericht „Energy Futures in Asia“ an den damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf.

Die Militärstrategen in Washington beobachten Chinas wachsende Macht mit Argusaugen. Um die weltweite Führungsrolle der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten, gilt ihnen Südostasien als Schlüsselregion. Mit fünf Ländern sind die Vereinigten Staaten sicherheitspolitisch auch vertraglich verbunden, nämlich mit Australien, Japan, Südkorea, den Philippinen und Thailand. Über ihr Pacific Command sind die USA in der Region militärisch präsent. Der damalige Befehlshaber der US-Kommandos, Admiral Robert F. Willard, warnte Ende Februar vor dem Streitkräfteausschuss des Senats in Washington vor Chinas wachsender Macht:

O-Ton Willard (overvoice):

„Die Volksbefreiungsarmee ist dabei, ihre militärischen Fähigkeiten in beeindruckendem Maße zu verbessern. Sie wird mutiger in Bezug auf ihre vergrößerte regionale und globale Präsenz. China fordert die Vereinigten Staaten und unsere Partner in der Region heraus – auf See, im virtuellen Raum und im Weltraum.“

Doch China ist noch längst nicht so weit, den USA auch militärisch Paroli bieten zu können. Dazu ist der Abstand zu groß: Nach jüngsten Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI hat China seine Militärausgaben 2011 zwar um 6,7 Prozent auf 143 Milliarden Dollar erhöht – die zweithöchsten Rüstungsausgaben der Welt. Der Spitzenreiter USA gab aber im selben Jahr mit mehr als 700 Milliarden Dollar das Fünffache aus. Laut SIPRI hat China mit den Mehrausgaben vor allem Einkommen und Arbeitsbedingungen seiner Soldaten verbessert sowie in die Modernisierung der Ausrüstung investiert. Technologisch liege China aber ein bis zwei Generationen hinter den USA zurück, sagen die Rüstungsforscher.

Allerdings hat das chinesische Militär in den vergangenen Jahren beträchtliche Fortschritte bei einigen Waffensystemen gemacht. Gezeigt wurden ein Tarnkappenbomber vom Typ J-20 und die ballistische Rakete Dongfeng 21D, die auch gegen gegnerische Flottenverbände eingesetzt werden kann. Außerdem ist ein eigener Flugzeugträger in Bau. Washington sorgt sich deshalb, dass China die Fähigkeit anstrebt, den USA militärisch den Zugang zu bestimmten Gebieten zu sperren, etwa zur Straße von Taiwan. Die amerikanischen Militärplaner sprechen von anti-access/area denial-Fähigkeiten, im Militärjargon abgekürzt A2/AD. Admiral Willard stellte vor dem Streitkräfteausschuss klar, dass hier das Hauptproblem liege. Andere Bedrohungen wie Piraterie, Extremismus, Drogenhandel, Proliferation oder Naturkatastrophen sind dagegen nur Randprobleme. Der US-Admiral:

O-Ton Willard (overvoice):

„Im ganzen Spektrum der gegenwärtigen und möglichen künftigen Bedrohungen muss das Pacific Command ständig Überblick bewahren und sicherstellen, dass unsere Nation ihren ständigen strategischen Zugang und die Bewegungsfreiheit in internationalen Gewässern und im Luftraum behält.“

Die US-Regierung arbeitet deswegen an einer neuen Militärdoktrin, mit der chinesische area-denial-Fähigkeiten gegebenenfalls zerstört werden können. In Anlehnung an die frühere AirLand-Battle-Doktrin, die sowjetische Panzer stoppen sollte, soll die neue Doktrin AirSea Battle heißen.

Auch die Nachbarstaaten beobachten die chinesische Aufrüstung mit Sorge. Indien fühlt sich durch die Perlenkette eingekreist. Und mit seinen anderen direkten Nachbarn streitet sich China um die Paracel- und die Spratly-Inseln. Sie sind wegen ihrer Lage im Südchinesischen Meer von strategischer Bedeutung. Außerdem werden dort Öl- und Gasvorkommen vermutet. Schließlich liegt Peking im Streit mit Taiwan, das es als abtrünnige Provinz betrachtet.

Allerdings ist umstritten, ob es wirklich eine chinesische Strategie der Perlenkette gibt. Jedenfalls hat Peking die Angebote aus Pakistan und den Seychellen, Stützpunkte zu errichten, noch nicht angenommen. Kritiker machen außerdem geltend, dass einige der Glieder der sogenannten Perlenkette gar nicht als Militärbasen geeignet sind. Stützpunkte in Sri Lanka und Bangladesh etwa wären zudem gegen Indien kaum zu verteidigen. Hinzu kommt, dass die Regierung in Peking immer wieder ihre friedlichen Absichten betont. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua gab Präsident Hu Jintao 2009 mit den Worten wieder, China werde nie eine Hegemonie anstreben. Peking werde sich auch nicht auf eine militärische Expansion einlassen oder auf einen Rüstungswettlauf mit anderen Staaten. Und nach dem Angebot der Seychellen verbreitete die regierungsnahe „China Daily“, China habe zwar Versorgungsstützpunkte in Dschibuti, Oman und Jemen, aber keine Truppenstützpunkte im Ausland. Und das werde auch so bleiben.

Solche Aussagen sind allerdings von aufstrebenden Mächten nur allzu bekannt. Sie gelten so lange, bis das bestreffende Land stark genug ist für das Gegenteil. Schließlich waren auch die USA einst eine abtrünnige Kolonie. Heute sind die Vereinigten Staaten eine Supermacht mit globalen Ambitionen und Interessen.