„Das ist wie Räuber und Gendarm“

Im kommenden Semester erheben viele NRW-Unis und FHs erstmals Studiengebühren. Kein Fehler, sagt Volker Ronge, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz und Rektor der Uni Wuppertal. An seiner Uni hat der ehemalige Oberleutnant Studiengebühren quasi-militärisch durchgesetzt

taz nrw, 07.10.2006, S. 3

Interview taz nrw

taz: Herr Ronge, Studierende protestieren gegen Studiengebühren, das Land gibt den Hochschulen mehr Autonomie, die Sie gar nicht wollen – macht Ihnen Ihr Beruf überhaupt noch Spaß?

Volker Ronge: Studiengebühren machen keinen Spaß, das kann ich Ihnen sagen. Aber beim Landeshochschulgesetz, da bin ich als Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz mitten im Politspiel drin. Das ist für mich als Politologe eine Traumsituation.

taz: Sie sollen ja mal gesagt haben, dass Sie heute General sein könnten, wenn Sie Berufssoldat geblieben wären.

Volker Ronge: Ich bin sogar ganz sicher, dass ich heute General wäre. Ich hätte aber auch Abt bei einem katholischen Orden werden können oder Stadtdirektor in einer Kommune. Ich hätte wahrscheinlich in jedem Beruf die mittlere Ebene erreicht.

taz: Und heute kommandieren Sie an der Uni?

Volker Ronge: Nein, da nützen mir eher meine juristischen Kenntnisse. Als Politologe kann ich außerdem mit Bürokratien umgehen. Und als ehemaliger Geschäftsführer weiß ich, wie man mit Budgets umgeht. Der Beruf des Rektors passt außerdem zu meinem eigentlichen Beruf als Forscher. Ich war ja viele Jahre am Max-Planck-Institut.

taz: Wie passen der Wissenschaftler und der Politiker zusammen?

Volker Ronge: Nehmen Sie das Hearing des Landtags zum neuen Hochschulgesetz. Da musste ich als LRK-Vorsitzender die Haltung der Hochschulen wiedergeben. Das war aber nicht völlig meine eigene. Also habe ich eine persönliche Bemerkung zu meiner Stellungnahme gemacht – in Form einer Fußnote. Sowas hatte noch nie jemand gemacht, das war sofort ein großes Thema im Hearing. Sie sehen: Politspiele kann ich also genau so wie die Politiker.

taz: Was passte Ihnen an der Position der Hochschulen nicht?

Volker Ronge: Die Mehrzahl der Rektoren begrüßt leider das Outsourcen der Hochschulen aus dem Staatszusammenhang. Viele Rektoren können sich noch gar nicht vorstellen, was da auf sie zukommt. Die Hochschulen werden zwar autonom, aber in einer finanziell sehr prekären Lage. Ich war mal Geschäftsführer, ich weiß, welche Risiken es da gibt.

taz: Nämlich?

Volker Ronge: Sie können zum Beispiel illiquide werden. Stellen Sie sich mal vor, die Studiengebühren würden gerichtlich gekippt, die Hochschulen hätten aber schon mit den Einnahmen geplant. Dann wären alle Hochschulen illiquide, von einem Tag auf den anderen.

taz: Sehen Sie keine Vorteile, wenn Hochschulen autonom entscheiden können?

Volker Ronge: Ich sage ja gar nicht, dass es keine Vorteile gibt. Es ist schön, Unternehmer zu sein. Aber Sie haben gleichzeitig erhebliche ökonomische Risiken. Kleine Hochschulen haben gar nicht die notwendigen bürokratischen Apparate und werden kaputt gehen.

taz: Was den Marktliberalen nicht stört. Das gehört eben zur Marktwirtschaft.

Volker Ronge: Bei der Daseinsvorsorge können und sollten wir uns die Gesetzlichkeiten des Marktes nicht leisten. Schulen darf man nicht pleite gehen lassen und Hochschulen, Feuerwehr und die Polizei auch nicht.

taz: Demnächst bekommen Sie die Einnahmen aus den Studiengebühren. Hilft das den Hochschulen nicht?

Volker Ronge: Gegen Gebühren selber habe ich nichts. Aber im Verhältnis zu unserem Gesamtetat sind sie kaum von Bedeutung. Studiengebühren werden gerade mal fünf Prozent unseres Etats ausmachen.

taz: Das ist Wasser auf die Mühlen der Gebührengegner. Für Sie sind Studiengebühren nicht viel, für den einzelnen Studierenden aber schon.

Volker Ronge: Ich bitte Sie, 500 Euro pro Semester, das sind weniger als hundert Euro pro Monat. Wo kommen wir eigentlich hin, das für eine große Belastung zu halten?

taz: Wie viel haben Sie denn für Ihr Studium bezahlt?

Volker Ronge: Wir haben damals anders gezahlt, pro Veranstaltung. Das ist ein viel besseres System, das ich seit Jahren propagiere. Ich war immer für Studiengebühren, aber für richtig begründete und dosierte. Studierende sind anders motiviert, wenn sie bezahlen müssen.

taz: Was sagen Sie als Sozialwissenschaftler zu den Protesten, die es in Nordrhein-Westfalen gegen Studiengebühren gab?

Volker Ronge: Es sind ja die einzelnen Hochschulen, die über Studiengebühren entscheiden müssen. Durch diese Konstruktion hat die Landesregierung im Grunde die Last der Gebühreneinführung den Hochschulen aufgebürdet. Das halte ich für einen schweren politischen Fehler. Wir hatten deswegen an einigen Unis sogar ’68er-Verhältnisse. Ich kann das sagen, ich habe damals in Berlin studiert.

taz: Sie haben Anfang des Jahres in der taz nrw die Rektoratsbesetzung in Bielefeld „unerträglich“ und „Freiheitsberaubung“ genannt. Aber war das wirklich wie 1968?

Volker Ronge: Ja, das sage ich auch als „Militär“. Heute sind die Studenten grundsätzlich in einer besseren Kampfposition als die Gegenseite.

taz: Warum?

Volker Ronge: Die Kommunikationstechnik ist viel besser. Mit dem Handy kann man heute seine „Truppen“ überall gleichzeitig mobilisieren.

taz: Das mussten die Studierenden auch machen, da die entscheidende Senatssitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit und an einem geheimen Ort stattfand.

Volker Ronge: Ich beschreibe ja nur, wie die eine Seite militärisch aufgerüstet hat. Auf der anderen Seite sind die Professoren von ’68 geprägt: Man holt keine Polizei auf den Campus, geht nicht auf Konfrontation, sondern macht Appeasement. Die Professoren sind also durch ’68 friedlich geworden, während die Studierenden sich mit viel besserer Kommunikationstechnik aufgerüstet haben.

taz: Warum konnten die Studierenden die Gebühren dann nicht verhindern?

Volker Ronge: Ganz einfach: Es konnten nicht genug Studierende mobilisiert werden. Trotzdem ist es so, dass man heute mit viel weniger Menschen viel mehr bewegen kann – zum Beispiel eine Senatssitzung blockieren. Übrigens ist auch die Polizei durch ’68 kultiviert worden. Die kommt heute gar nicht, wenn noch keine Straftaten begangen wurden.

taz: So beschreiben Sie die Situation. Wie handeln Sie als Rektor?

Volker Ronge: Ich mache Spielchen mit den Studierenden. Das ist doch alles ein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Da kann man nur drüber lachen und mitspielen. Und weil ich militärisch ziemlich gut ausgebildet bin, habe ich diese Schnitzeljagd, wie sie ja auch von den Studenten genannt wurde, gewonnen.

taz: Wie denn?

Volker Ronge: Das werde ich Ihnen nicht erzählen. Das ist Generalstabswissen.

taz: Sie tun das jetzt so leicht ab. Können Sie nicht verstehen, dass Studierende wütend sind, wenn sie plötzlich hohe Gebühren zahlen müssen?

Volker Ronge: Nein, gar nicht. Dass etwas plötzlich Geld kostet, was vorher umsonst war, rechtfertigt noch keinen Aufstand. Der Fehler war, jemals auf Studiengebühren zu verzichten. Dann hätte man den Preis viel leichter variieren können. Dieser Fehler wurde allerdings vor 30 Jahren gemacht.

taz: Aus der Pisa-Studie ergibt sich, dass Kosten von Studium und Bildung abschrecken.

Volker Ronge: Pisa misst nur die Leistung und stellt irgendwelche Korrelationen zu Herkunft und finanziellen Verhältnissen her. Grundsätzlich gilt: In einer Marktwirtschaft muss immer für Leistungen bezahlt werden. Es gibt heute keinen Grund mehr, das Bildungswesen davon auszunehmen. Nur die Daseinsvorsorge sollte davon ausgenommen sein.

taz: Hatten Sie nicht eben die Hochschulen zur Daseinsvorsorge gezählt?

Volker Ronge: Moment. Was jetzt passiert, ist: Die Hochschulen bekommen weniger öffentliches Geld, dürfen aber Geld von den Studierenden nehmen. Die Verantwortung hat die jeweilige Hochschule. Ich wollte diese Verantwortung nie. Die Politik hätte das entscheiden und auch alle Verantwortung auf sich ziehen müssen.

taz: Übernächste Woche ist Vorlesungsbeginn an Ihrer Uni. Die Erstsemester müssen erstmals Gebühren von 500 Euro zahlen. Was bekommen sie dafür? Studiengebühren wurden ja auch damit gerechtfertigt, dass damit die Lehre verbessert werden kann.

Volker Ronge: Wir haben drei bis vier Fächer, die deutlich überlastet sind. Anglistik, Germanistik, Geschichte und Ökonomie. Mit den Studiengebühren kann ich mehr Personal einstellen oder Räume anmieten. Ich habe zwar nicht mehr Geld, weil das Land seine Zuschüsse gleichzeitig kürzt. Aber das Geld aus den Gebühren ist nicht gebunden und insofern gibt es mehr freie Verfügungsmasse.

taz: Das ist Ihre Rechnung als Rektor. Wie rechnet sich das für die einzelne Studentin, die zum Beispiel ein Orchideenfach studiert? Ihre Studienbeiträge werden dann für die Betriebswirtschaftler verwendet, sie selbst bekommt nichts.

Volker Ronge: Stimmt, nicht jeder hat gleichermaßen Vorteile. Das ist aber auch richtig so. Wer jetzt schon beste Studienbedingungen hat, dem muss nicht geholfen werden.

taz: Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart?

Volker Ronge: Das ist ausgesprochen gut. Aber das liegt nicht an mir, sondern daran, dass er ein im Umgang ausgesprochen angenehmer Mensch ist. Pinkwart ist auch hervorragend in seinen Polittechniken. Wie er Studiengebühren oder das neue Hochschulgesetz durchgesetzt hat – das bewundere ich als Politologe. Politik ist eine Kunst. Aber inhaltlich bin ich oft anderer Meinung als er und sage das ja auch.

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Ex-Soldat im Talar
1943 geboren, zog es Volker Ronge nach dem Abitur zuerst als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Dort blieb der heutige Rektor der Uni Wuppertal aber nur drei Jahre. „Ich bin noch von Wehrmachtsoffizieren ausgebildet worden. Das war nicht nur Spaß“, sagt er. Von 1965 bis 1969 studierte Ronge Politikwissenschaften und Jura in Berlin, dann machte er bei Kurt Sontheimer seinen Doktor. In den 1970ern arbeitete Ronge sieben Jahre lang am Max-Planck-Institut in Starnberg. Es folgte ein Ausflug in die Privatwirtschaft, unter anderem als Geschäftsführer von Infratest. 1982 ging er dann als Professor für Soziologie an die Universität von Wuppertal, wo er seit 1999 Rektor ist. Im Jahr 2005 wurde Volker Ronge einstimmig zum Vorsitzenden der Landesrektorenkonferenz Nordrhein-Westfalen gewählt.


Autor: DIRK ECKERT und MORITZ SCHRÖDER