„Wir brauchen vor allem Geduld“

Die Integration von Einwanderern dauert immer mehrere Generationen, sagt der Migrationsforscher Klaus J. Bade

taz nrw, 08.06.2006, S. 2

Interview taz nrw

taz: Herr Bade, das Statistische Bundesamt hat bestätigt, dass Deutschland eine Zuwanderungsgesellschaft ist. Teilen Sie diese Einschätzung?

Klaus J. Bade: Nein, Deutschland ist eine Einwanderungs-, keine Zuwanderungsgesellschaft.

taz: Wo ist der Unterschied?

Klaus J. Bade: Bei dem Begriff Zuwanderung schwingt in Deutschland die verzweifelte Hoffnung mit, dass die Leute auch wieder abwandern. Einwanderung ist dagegen auf Dauer angelegt.

taz: Also ist auch NRW ein Einwanderungsland. Hier hat inzwischen jeder Vierte einen Migrationshintergrund.

Klaus J. Bade: In Nordrhein-Westfalen haben prinzipiell fast alle einen Migrationshintergrund. Im frühen 19. Jahrhundert gab es hier nur kleinere Städte. Mit der Industrialisierung wuchs die Bevölkerung, die Menschen kamen zum Teil von weit her. Das Ruhrgebiet ist die deutsche Einwanderungsregion schlechthin.

taz: Die Zahlen sind also stark untertrieben?

Klaus J. Bade: Es kommt darauf an, wie man den Begriff Migrationshintergrund definiert. Wie weit man die Familiengeschichte zurückverfolgt und welche Staats- und Landesgrenzen man zugrunde legt. Es gibt nämlich auch Zuwanderungsprozesse, die Einwanderungscharakter haben. Obwohl sie innerhalb der Grenzen des gleichen Landes ablaufen. Das war typisch für das Ruhrgebiet. Dorthin kamen polnischsprachige, katholische Menschen aus dem preußischen Osten. Im Kern machten sie einen echten Einwanderungsprozess durch, der zum Teil härter war als das, was Deutsche in den USA erlebten.

taz: Inwiefern?

Klaus J. Bade: Viele Deutschen in den USA zogen in Regionen oder Viertel, wo ihre Verwandten wohnten und deutsch gesprochen wurde – zum Beispiel im Mittelwesten.

taz: Die Polen im Ruhrgebiet waren dagegen auf sich selbst gestellt?

Klaus J. Bade: Ja, sie bildeten längere Zeit eine ausgegrenzte Minderheit. Es dauerte zwei bis drei Generationen, bis sich – sehr stark über Vereine – die Integration vollzogen hatte.

taz: Was kann man daraus lernen?

Klaus J. Bade: Wir brauchen vor allem Geduld. Integration dauert in der Regel mehrere Generationen. Was die Deutschen in der Regel unter Integration verstehen und mit der Staatsangehörigkeit belohnen, ist eher die Akkulturation: Diese ist erreicht, wenn die Leute Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben, die Sprache halbwegs beherrschen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Integration als Prozess, der auch die Mentalität einschließt, dauert bis zu drei Generationen.

taz: Wann werden die Namen Özgentürk und Öger so ruhrgebietstypisch sein wie Schimanski?

Klaus J. Bade: Ich glaube, dass das in einigen Städten des Ruhrgebiets bereits der Fall ist. Spätestens 2030 bis 2040 wird das überall so sein. Leider hat sich Deutschland viel zu lange nicht als Einwanderungsland verstanden und keine attraktive Einwanderungskultur entwickelt. Im Gegenteil: In den frühen 80ern wurden sogar Rückkehrprämien ausgeschrieben. Das vergessen die Deutschen heute gerne, wenn sie den Migranten vorwerfen, sich nicht integriert zu haben.

taz: Was kann die schwarz-gelbe Landesregierung zur Integration beitragen?

Klaus J. Bade: Die Landesregierung ist es gelungen, mit dem Integrationsministerium die Themen Familie, Jugend, intergenerative Probleme, Zuwanderung und Integration unter einem Dach zu versammeln. Das ist eine beeindruckende Leistung und ein gutes Modell auch für den Bund. Integrationsminister Laschet baut dabei auch auf dem auf, was Rot-Grün gemacht hat.

KLAUS J. BADE, 62, ist Historiker, Publizist und Gründer des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) in Osnabrück.


Autor: DIRK ECKERT