Ärzte streiken einsam

Ärzte weiten ihren Streik in NRW aus. Die ebenfalls streikenden Pfleger und Krankenschwestern haben kein Verständnis für ihre Gehaltsforderung: "Sie sind nicht allein im Krankenhaus"

taz nrw, 21.03.2006, S. 1

taz nrw

Der Ärztestreik in NRW stößt bei den übrigen Beschäftigten der Unikliniken auf Skepsis. Pfleger und Krankenschwestern, selbst seit sechs Wochen im Streik, können vor allem die Forderung der Mediziner nach 30 Prozent mehr Gehalt kaum nachvollziehen. „Diese isolierte Forderung finden wir sehr problematisch“, sagte Sylvia Bühler vom Ver.di-Fachbereich Gesundheit. Nötig seien vielmehr humane Arbeitsbedingungen und kürzere Arbeitszeiten für alle Klinik-Beschäftigten, von den Krankenschwestern bis zum Küchenpersonal. „Die Ärzte sollen ihre Interessen vertreten“, sagte Bühler, „aber sie sollten nicht vergessen, dass sie nicht alleine im Krankenhaus sind.“

Nach Bonn und Essen sind gestern auch an der Uniklinik Köln die Ärzte in den Ausstand getreten. Auf Kooperation mit der Gewerkschaft legt die Ärzteschaft keinen Wert: Der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, den die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di an den sechs Unikliniken durchsetzen will, bedeute für die Ärzte Einnahmeverluste, argumentiert der Marburger Bund, der Berufsverband der Ärzte. Auch von Überstundenabbau statt Lohnerhöhung hält der Marburger Bund nichts: „Wir sind bereit, mehr zu arbeiten, aber wir wollen das auch bezahlt bekommen“, bekräftigte der NRW-Sprecher des Marburger Bunds, Michael Helmkamp.

Bei den Unikliniken steigt inzwischen die Bereitschaft, sich auf Tarifverhandlungen mit Ver.di einzulassen. In einem Brief an NRW-Finanzminister Helmut Linssen (CDU) bezifferten die Klinikdirektoren die Schäden des Streiks auf 150.000 bis 250.000 Euro pro Tag und Klinik. Hinzu kämen „langfristige Kollateralschäden durch Abwanderung von Patienten“, die „kaum zu ermessen“ seien.

Linssen untersagt den Unikliniken jedoch weiterhin eigene Tarifverhandlungen mit Ver.di. Man könne „nur hoffen, dass das am Ende des Tarifkonflikts erzielte Verhandlungsergebnis die von Ihnen getroffene Entscheidung rechtfertigt“, heißt es in dem Brief weiter. Ver.di sieht sich nun bestätigt. „Die Unikliniken wollen eigene Tarifverhandlungen führen“, sagte Bühler. „Leider lässt Linssen immer noch keine Verhandlungen zu.“ Die Kliniken sollten sich über das Verbot hinwegsetzen, forderte sie. Denn Linssen könne nicht per Rechtsverordnung die Tarifautonomie außer Kraft setzten.

Die NRW-Spitze von Ver.di hat sich unterdessen in den Streit am Klinikum Duisburg eingeschaltet. Dort wurden fünf Beschäftigten entlassen, weil sie am 10. März an einer Protestkundgebung im Klinikum teilgenommen haben sollen. Am morgigen Mittwoch wollen sich Ver.di und die Klinik-Geschäftsführung zu einem Gespräch treffen. „Wir hoffen, den Konflikt beilegen zu können“, sagte Bühler. Zahlreiche Initiativen haben inzwischen ihre Solidarität mit den Entlassenen bekundet. Attac Duisburg warf Klinik-Geschäftsführer Reinhard Isenberg „Wildwest-Methoden“ vor.


Autor: DIRK ECKERT