Die Welt zu Gast im Kinderzimmer

Eine Million Gäste werden im Sommer zu den 16 WM-Spielen in Köln, Gelsenkirchen und Dortmund erwartet. Da könnten die Betten knapp werden. Eine Lösung für Fans und potenzielle Gastgeber: die private Zimmervermietung

taz nrw, 16.02.2006, S. 3

taz nrw

Am liebsten wären ihnen zur WM Brasilianer. Dann könnten sie eine kleine Theke in ihre Wohnung einbauen, gemeinsam Fußball schauen und so richtig feiern, schwärmt Simon Vogel. Zwei ihrer vier Zimmer in der Kölner Südstadt wollen der 40-jährige Fotograf und seine Freundin Juanita Bolle während der Weltmeisterschaft im Sommer vermieten. „Uns geht es um den Spaß“, erzählt Vogel. Dazu „ein bisschen Kleingeld verdienen“ wäre natürlich auch nicht schlecht. So könnten sie vielleicht die lang ersehnte Reise nach Brasilien finanzieren. Vielleicht ergibt sich ja sogar was mit den WM-Gästen, spekuliert Vogel.

Juanita Bolle und Simon Vogel sind nicht die einzigen in Nordrhein-Westfalen, die zur WM Herbergseltern spielen wollen. 16 Spiele finden von Anfang Juni bis Anfang Juli in Dortmund, Gelsenkirchen und Köln statt. Und der eine oder andere Besucher braucht bestimmt noch ein Privatzimmer, obwohl rein rechnerisch genügend Betten vorhanden sind: NRW-Tourismus rechnet mit insgesamt einer Millionen Gästen, die zur WM nach Nordrhein-Westfalen kommen. Bei 16 Spielen wären das im Schnitt 62.500 Gäste pro Spiel.

Dem stehen 290.000 Betten in Hotels, Jugendherbergen und auf Campingplätzen im gesamten Bundesland gegenüber – Privatzimmer nicht mitgerechnet. Und gerade bei Hotels ist noch viel frei. Die Hotels, die über den Fifa Accomodation Service für die WM gebucht werden können, sind bundesweit erst zu 38 Prozent ausgelastet, in Nordrhein-Westfalen zu 44 Prozent.

Trotzdem könnten an den einzelnen Spielorten die Betten knapp werden. „Da werden Engpässe entstehen“, ist sich jedenfalls Niclas Hölscher, WM-Projektleiter bei NRW-Tourismus, sicher. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) rechnet im Schnitt mit 1,72 Übernachtungen pro verkauftem Ticket. In Gelsenkirchen zum Beispiel würde das die Kapazitäten der Stadt sprengen, räumt Stadtsprecherin Annika Lante ein.

Vermieten: So geht’s

In der Arena AufSchalke haben während eines WM-Spiels 53.000 Zuschauer Platz – aus Sicherheitsgründen etwas weniger als bei Bundesliga-Spielen. Trifft die Annahme der DTZ zu, wären das 91.160 Übernachtungen, die in der Nacht vor oder nach dem Spiel zu bewältigen wären. Tatsächlich stehen aber in Gelsenkirchen nur 2.000 Hotelbetten, 2.000 Campinggelegenheiten sowie eine unbekannte Zahl an Privatzimmern zur Verfügung. Trotzdem sorgt sich die Stadtverwaltung nicht. Da die drei WM-Spielstätten Gelsenkirchen, Dortmund und Köln nicht weit auseinander liegen, dürften einige Fans gar nicht in Gelsenkirchen übernachten, kalkuliert die Stadtverwaltung. Außerdem sei bereits eine regionale Kooperation aufgebaut. Wer noch in letzter Minute eine Schlafgelegenheit brauche, könne dann auf umliegende Orte ausweichen, sagt Lante. „Wir sind ganz zuversichtlich.“

Wegen der befürchteten Engpässe wird im Umland schon an neuen Übernachtungsmöglichkeiten gearbeitet. In Holzwickede entsteht ein Zeltlager für 4.000 Menschen, in Lünen wird ein Container-Hotel mit 300 Containern aufgestellt, in denen bis zu 1.200 Fans übernachten können. „Das ist der Beitrag der Regionen für den WM-Standort“, sagt ein Stadtsprecher.

Abhilfe könnten auch Privatzimmer schaffen. In Gelsenkirchen hilft die Stadt bei der Zimmervermittlung. Wer hier die Welt zu Gast haben will, kann sich an die Hotline von Stadtmarketing wenden. Vermittelt wird das Zimmer schließlich von der Privatzimmervermittlung Falkenhagen, die vorher eine Qualitätskontrolle durchführt. Auch in Dortmund wird Vermietwilligen geholfen. Dortmund-Tourismus vermittelt Privatzimmer und Appartements. „Da kann man sich auch kurz vor der WM noch melden“, sagt Annette Overesch von Dortmund-Tourismus.

Online-Vermittlung

Ganz anders sieht es da in Köln aus. Dort ist die stadteigene Kölntourismus GmbH zuständig, die bereits einige hundert Zimmer im Angebot hat. Aber: Um noch Zimmer anzubieten, sei es „ein bischen spät“, sagt Geschäftsführer Josef Sommer. Schließlich müsse jedes Zimmer erst inspiziert werden, bevor dann ein Vertrag mit dem Vermieter abgeschlossen werden könne. Darauf legt Sommer Wert: „Wir können es uns nicht erlauben, ein schmuddeliges Zimmer zu vermitteln.“

Allerdings vermittelt Kölntourismus auch Hotelzimmer. „Wir sind gut gebucht, aber die Hotels sind noch nicht voll“, beschreibt Geschäftsführer Sommer die Lage. Und bei teuren Hotelzimmern fällt natürlich auch die Vermittlungsprovision höher aus als bei den billigeren Privatzimmern. Deswegen gilt für Sommer: „Wenn es in den Hotels eng wird, greifen wir gerne auf Private zurück.“

Den Kölnern bleibt also nur noch das Internet. Das Immobilienportal ImmobilienScout24 zum Beispiel hat mit der Seite „Übernachten bei Freunden“ (www.wm-zimmer-2006.de) eine Online-Zimmervermittlung gestartet, die auch vom Deutschen Mieterbund unterstützt wird. Wer hier ein Zimmer anbietet, zahlt elf Euro Gebühr. Das Geld soll komplett an die Stiftung Jugendfußball gehen.

Eine noch ungewöhnlichere Kontaktbörse ist das Projekt „Ein Dach für Fans“ (www.edff.net), das vier Dortmunder Fußballfans ins Leben gerufen haben. In einer Datenbank können die Fans von der kostenfreien Unterkunft bis zum Campingplatz alles finden. Die Vermittlung ist kostenlos, wie viel die Schlafgelegenheiten kosten, ist Verhandlungssache. „Wir verstehen uns nicht als Bettenbörse“, sagt Marc Bialojahn, einer der vier Dortmunder, die das Projekt gestartet haben. „Wir kommen alle aus der Fanszene, es geht uns um den Kontakt unter den Fans.“ Deswegen solle das Projekt auch über die WM hinaus Bestand haben.

„Ein Dach für Fans“ erfreut sich inzwischen breiterer Unterstützung. Das Projekt biete die Chance, gerade bei jungen Menschen Vorurteile gegenüber Fremden abzubauen beziehungsweise zu bekämpfen, findet zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Stiftung. Die SPD-nahe Stiftung unterstützt die Dortmunder logistisch und sorgt vor allem für Kontakte ins Ausland.

Moderate Preise

Auch die Bundesregierung hat „Ein Dach für Fans“ als förderungswürdig eingestuft. Aus Mitteln des Aktionsprogramms „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ werden bis nach der WM zwei Stellen, Reise- und Materialkosten finanziert. Der Aufwand lohne sich, sagt Marc Bialojahn. Inzwischen seien über hundert Übernachtungsangebote eingegangen. Anfragen gebe es unter anderem aus Schweden, den USA, Kanada, der Schweiz, Ecuador und Jordanien.

WM-Projektleiter Niclas Hölscher von NRW-Tourismus empfiehlt mittlerweile „Ein Dach für Freunde“ ausdrücklich. Dass tatsächlich viele Menschen einfach nur gute Gastgeber sein wollen, kann auch Annette Overesch von Dortmund-Tourismus bestätigen. Viele Dortmunder, die Gäste aufnehmen wollten, wären ganz erstaunt, wenn sie erführen, dass sie Geld bekommen, erzählt sie.

Einen fairen Preis versprechen allerdings auch schon die Hotels. Laut Deutschem Hotel und Gaststättenverband NRW besteht Konsens, keine Messe- oder Eventpreise zu verlangen, damit die Gäste auch wiederkommen. Der geplante Durchschnittspreis beträgt 190 Euro, der reale Preis liegt im Moment schon bei 185 Euro. Privatanbieter, die ihre Zimmer zum Teil schon ab 20 Euro die Nacht anbieten, sind also auf jeden Fall konkurrenzfähig. Darauf setzen auch Simon Vogel und seine Partnerin. Etwas mehr als 20 Euro die Nacht soll der Spaß aber schon bringen.


Autor: DIRK ECKERT