Skandale bis heute

Der WDR sendete ab 1956 zunächst zwei Hörfunkprogramme, wurde geliebt und gehasst. WDR5 strahlt heute Abend "50 Jahre WDÄrger" aus

taz nrw, 14.01.2006, S. 4

taz nrw

Wohnmobile eignen sich prima zur Provokation. Oft reicht schon eine kleine Lästerei über Camper, dann hagelt es sofort stapelweise Briefe von Hörern. Doch was wird passieren, wenn jemand im Radio über den Ausschluss von Bayern aus der Bundesrepublik nachdenkt? Der Journalist Felix Rexhausen probierte das 1963 im Westdeutschen Rundfunk aus.

Es war nicht so, dass hätte er keine guten Argumente gehabt. Kam nicht alles Schlechte aus Bayern? Wo liegt denn zum Beispiel Würzburg „mit seinen ganzen und halben Nazis?“ Welches Bundesland hat denn als einziges das Grundgesetz abgelehnt? Ist da nicht ein Ausschluss nahe liegend und konsequent? Rexhausen entschied anders und ließ seinen kleinen satirischen Text mit einem furiosen Plädoyer für Bayern enden. Motto: „Mit Bayern leben!“ Nicht alle Bayern waren damals begeistert. Ein Sturm der Entrüstung brach über den Radiosender herein. Der WDR hätte „eine zweite geistige Mauer“ in Deutschland errichtet, ereiferte sich ein Hörer. Durch die, wie er gar nicht mal unkomisch schrieb, „Alaaf-Idioten“ aus Nordrhein-Westfalen sah sich der Mann so in seiner Ehre verletzt, dass er Satisfaktion durch ein Pistolenduell verlangte. Auch der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel pochte auf die „Wiederherstellung der Ehre Bayerns“.

Es war nicht der einzige Skandal, den der WDR-Hörfunk in seinen 50 Jahren Sendebetrieb ausgelöst hat. Bundeswehr, Abtreibungsgegner oder ehemalige Nazi-Funktionäre fühlten sich zu Recht angegriffen. „Sowjetzonale Zersetzungspropaganda“, tobte sogar ein Verteidigungsminister. In den 1970ern kam es öfter vor, dass Interviewpartner in Live-Interviews zu viel Verständnis für die Rote Armee Fraktion zeigten. Schnell hatte der Sender seinen Ruf als „Rotfunk“ weg und Klaus von Bismarck, der von 1961 bis 1976 Intendant war, musste sich mit den politischen und juristischen Folgen der Skandale herumschlagen.

Die größten Aufreger von damals hat der WDR5 nun in einer kleinen, unterhaltsamen Sendung zusammengestellt, die heute ausgestrahlt wird. Wolfgang Schmitz und Kabarettist Jürgen Becker moderieren, als Gäste geladen sind Zeitzeugen wie der ehemalige Chefredakteur des WDR-Hörfunks, Dieter Thoma. „Unglaublich, was da alles gelaufen ist“, sagt Becker. Der Kölner Kabarettist hat eigene Erfahrungen mit dem WDR. Als er in der Kölner Stunksitzung einmal Erzbischof Joachim Meisner als „Sakralstalinisten“ und „Arschloch“ titulierte, übertünchte der Sender das „Arschloch“ rigoros durch eine Funkstörung. Becker nahm es gelassen. „Durch das Arschloch ging der Sakralstalinist durch“, freut er sich noch heute.

Womit übrigens nebenbei die Zensur von damals aufgehoben wäre. Nicht bei allen Beiträgen ist das so. In der letzten Sendung der legendären Jugendsendung „Radiothek“ drehte die Berliner Kabarettgruppe „Die drei Tornados“ mit einer Neufassung der Weihnachtsgeschichte richtig auf. Offenbar zu weit: Selbst heute Abend werden die brisantesten Stellen ausgelassen.

14.01., 20:05, WDR5


Autor: DIRK ECKERT