„Der Rhein ist ohnehin schon verbaut“

Der Fluss ist längst in weiten Teilen zerstört, sagt Winfried Lücking vom BUND. Auf ein paar Schiffe mehr oder weniger komme es deswegen nicht an

taz nrw, 23.11.2005, S. 3

Interview taz nrw

taz: Herr Lücking, die neue NRW-Landesregierung will in der Schifffahrt offenbar an die Politik des rot-grünen Vorgängers anknüpfen und den Schiffsverkehr in Nordrhein-Westfalen weiter fördern. Ist das eine gute Nachricht für den Natur- und Umweltschutz?

Winfried Lücking: Wenn es darum geht, die Flüsse weiter zu verbauen, ist das eine negative Nachricht.

taz: Aber Schiffe sind doch ein ökologisches Transportmittel?

Winfried Lücking: Nein, es gibt keine ökologischen Transportmittel im eigentlichen Sinne. Alle Verkehrsträger belasten die Umwelt. Vor allem große Schiffe, wie auf dem Rhein, können nur fahren, wenn stark in die Flüsse eingegriffen wird. Außerdem stoßen Schiffe nachweislich mehr Schadstoffe aus als die Bahn. Von daher ist der umweltfreundlichere Verkehrsträger eindeutig die Bahn.

taz: Braucht NRW also mehr Bahnstrecken nach Holland und Belgien? Experten sagen steigenden Umsatz im Transportgewerbe voraus, vor allem wegen der Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen.

Winfried Lücking: Die Bahnlinien längs des Rheines stoßen ohnehin schon an ihre Kapazitätsgrenzen. Von daher macht es Sinn, mehr Schiffe auf dem Rhein fahren zu lassen, wenn der Rhein ohnehin schon so verbaut ist, wie er ist.

taz: In welchem Zustand ist denn der Rhein?

Winfried Lücking: Der Rhein ist eigentlich kein Fluss mehr im ursprünglichen Sinne, sondern eine Abflussrinne, die zu einer Wasserstraßenautobahn ausgebaut worden ist. Äußerlich ähnelt er eher einem Kanal als einem Fluss.

taz: Wie sah der Rhein früher aus?

Winfried Lücking: Es gab Auenbereiche und unverbaute Ufer, die heute alle zugebaut sind. Außerdem ist der Fluss begradigt worden. Inseln und Sandbänke stören die Schifffahrt, also wurden sie beseitigt. Schöne Flüsse finden sie übrigens im Osten Deutschlands. An der Elbe gibt es noch ganz natürliche Sandstrände, an der Oder auch.

taz: Der Ausbau des Rheins ist noch nicht beendet. Der Niederrhein zwischen Duisburg und Emmerich wird zur Zeit bis auf 2,80 Meter ausgebaggert. Welche ökologischen Folgen hat das?

Winfried Lücking: Allgemein muss man sagen, dass das Wasser schneller abfließt, wenn ein Fluss vertieft und begradigt wird. Das kann zu Hochwasserwellen im unteren Flussbereich führen. Das sind die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Auch Grundwasserabsenkungen sind zu befürchten.

taz: Ist der Rhein bereits unwiederbringlich zerstört?

Winfried Lücking: Nicht unbedingt. Man kann immer versuchen, Flüsse zu renaturieren. Aber für den Rhein in seiner vollen Länge ist das heute eigentlich nicht mehr vorstellbar, der Fluss wird für den Gütertransport und Stromgewinnung gebraucht. Das heißt aber nicht, dass nicht im Einzelfall Rückbaumaßnahmen möglich wären. Heute gibt es bereits eine ganze Reihe von Projekten, um das ökologische Potenzial des Flusses zu entwickeln, etwa das Programm zur Wiederansiedlung der Lachse oder das Projekt „Lebendiger Rhein – Fluss der tausend Inseln“ vom NABU, ein Modellvorhaben zur Revitalisierung von Ufer- und Flusslebensräumen.

taz: Die Binnenschifffahrt fordert vor allem den Ausbau der Häfen am Rhein. Welche ökologischen Probleme könnten dabei entstehen?

Winfried Lücking: Das kommt auf den Einzelfall an. Grundsätzlich ist es so: Wenn Sie mehr Verkehr wollen, brauchen Sie auch Umschlagplätze, um die Schiffe mit den anderen Verkehrsträgern zu vernetzen. Von daher ist der Grundgedanke, die Häfen am Rhein auszubauen, schon richtig. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie in einem integrierten Verkehrssystem eingebunden sind.

WINFRIED LÜCKING, 55, ist Referent für Gewässer und Binnenschifffahrt beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)


Autor: DIRK ECKERT