In der S-Bahn verprügelt

Als Einziger half Anatol Wiecki dem Opfer

taz köln, 10.08.2000, Nr. 14, S. 5

taz köln

Wer sich schon mal über die vielen nichtssagenden Wahlkampf-Sprüche geärgert hat, sollte sich bei der OB-Wahl vielleicht an Anatol Wiecki halten. „Was bieten denn schon die anderen Kandidaten?“ fragt der jüngste Kandidat für das höchste Amt der Stadt Köln und gibt selbst die Antwort: „Nur flapsige Sprüche.“

Das spornt den 28-jährigen Wiecki an. Mit dem Motto „Abenteuer Menschlichkeit“ war er im Vorjahr in den Wahlkampf gezogen. Inzwischen räumt er ein, dass der Spruch nur von wenigen verstanden wurde. Deshalb formulierte Wiecki dieses Jahr: „Zukunft für die Gegenw@rt – statt Blablabla & Blubb“.

Seit März 2000 ist der Parteilose 1. Vorsitzender eines Vereins namens „323c“, dem „Verein gegen Unterlassene Hilfeleistung und für mehr Zivilcourage“. Hintergrund für dessen Gründung ist ein Erlebnis, das Wiecki im Januar 1997 in einer Kölner S-Bahn hatte. „Ein brutaler und zu allem entschlossener Mensch, ein trainierter Kampfsportler, misshandelte in grausamer Weise ältere Menschen, auch vor Frauen machte er nicht halt.“ Wiecki war entsetzt, nicht zuletzt über die Tatsache, dass keineR der Bahnreisenden den Mut besaß, dem Täter contra zu geben. „Der Schrei nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit für jedermann ließ mich handeln. Der Schrei eines gequälten Menschen in Not durchfuhr meinen Körper.“

Wiecki trat also, obwohl körperlich klar unterlegen, dem Schläger entgegen – und wurde selbst Opfer. Die anderen Zuggäste sahen ungerührt weg. Erst als Wiecki ihnen drohte: „Ich werde gegen Sie Strafanzeige erstatten, wenn Sie nicht sofort aufstehen“, reagierten sie. „Der Täter musste nun sehen, dass da eine ganze Masse stand. Dann floh er, noch bevor die Polizei eintraf.“

Seit diesem Erlebnis engagiert sich Wiecki in der Politik – zweifellos mit hohem moralischen Anspruch. Ob er beim Formulieren von Slogans auch Spitze ist, entscheiden Sie mit einem Blick auf die Homepage http://www.stattBLUBB.de : „Weil er’s kann – darum geht Anatol Wiecki in die Politik“.


Autor: DIRK ECKERT