Gegen das Vergessen

Eine CD-ROM widmet sich der "Dokumentation des Holocaust"

philtrat, 30.09.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 30, S. 17

philtrat Rezension

Eins kann vielleicht schon vorweggenommen werden: Wider das Vergessen, eine Dokumentation des Holocaust, so der Titel der CD-ROM, hinterlässt nach dem Benutzen vor allem ein Gefühl der Überfütterung. Die gedankliche Verarbeitung so vieler Informationen, Bilder, Sinneseindrücke ist kaum möglich. Zu viele Informationen passen auf eine CD-ROM.

Gegliedert ist die CD-ROM in einzelne Kapitel, die die Themen Hitlerdeutschland, Holocaust und Nachwirkungen abdecken. In den einleitenden Kapiteln wird der Aufstieg der NationalsozialistInnen dargestellt. Hier werden Themen wie die ideologischen Grundlagen des NS-Staates, die Funktionsweise des NS-Systems, Propaganda und die Errichtung der Konzentrationslager abgehandelt. Immer sind Bild- und Tonelemente, also Radio- oder Filmaufnahmen mit Texten verknüpft.

Die CD-ROM macht deutlich, das der Weg zum Holocaust über den Vernichtungskrieg im Osten führt. „Nachdem die deutsche Wehrmacht Polen erobert hatte, fielen etwa 1,5 Millionen Juden in die Hände der Nazis.“ Vorerst wurden die JüdInnen in Ghettos der größeren polnischen Städte gebracht. „In der sogenannten Euthanasie-Kampagne, Kodename T4, bewiesen sie ihre Bereitschaft, Tausende von Menschen, die sie für rassisch wertlos hielten, zu töten.“Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gingen die Nazis verschärft gegen sowjetische JüdInnen vor. Einsatzgruppen bestehend aus Gestapo- ,Waffen-SS- und Kripo-Angehörigen, wüteten hinter der Front. Allein bis 1943 brachten sie schätzungsweise 1,25 Millionen JüdInnen um. Waren zu Anfang des Krieges gegen die Sowjetunion 3000 Männer in Einsatzgruppen organisiert, erhöhte Himmler die Zahl schnell. 40 000 führten Ende 1941 Massaker an der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion durch.

Nach Himmlers Besuch bei Massenerschießungen in Minsk im August 1941 wurden verstärkt Gaswagen eingesetzt. Bei der Entwicklung der Gaswagen konnte die SS von der Kripo und deren Erfahrungen mit den Euthanasie-Programmen profitieren. Die neu entwickelten Gaswagen wurden das erste Mal im Dezember 1941 eingesetzt. Im Oktober 1943 wurden in Minsk Gaswagen zehn Tage lang eingesetzt, um die BewohnerInnen eines Ghettos zu ermorden. 300 000 Menschen wurden nach Schätzungen in Gaswagen umgebracht.

Mit Einrichtung der Vernichtungslager wurde der Völkermord perfektioniert. „Anstatt dass die Mörder ihre Opfer jagten, wurde die zur Ermordung selektierte Gruppe zuvor hilflos gemacht, an vorgesehenen Punkten zusammengefasst und an einen Tötungsort transportiert, wo sie unter kontrollierten Bedingungen mit einem Minimum von Menschenaufwand abgeschlachtet werden konnte.“ Tausende JüdInnen aus ganz Europa wurden in Zügen in den Osten, in die Konzentrationslager deportiert.

Leider kommt in den Kapiteln über den Vernichtungsfeldzug im Osten die Wehrmacht viel zu gut weg. Zwar wird der „Kommissarsbefehl“ angedeutet, den die Heeresleitung erlassen hat. Doch die belegbare Beteiligung der Wehrmacht an der Vernichtung der JüdInnen wird nicht explizit erwähnt. Hier ist immer nur von Einsatzgruppen, Gestapo und Polizei die Rede. Und das, obwohl ein Foto aus Liepaja, Lettland, zu sehen ist. Dort wurden 2800 JüdInnen erschossen, „von lettischen und deutschen Soldaten“, wie es in der Bildunterschrift heißt.

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit „Judenräten“, Ghettos, den Todesmärschen und auch Rettungsversuchen und Widerstand. Allerdings waren die Bedingungen dafür schwierig. JüdInnen kamen nur schwer an Waffen. Außerdem hatten Aufstände schreckliche Vergeltungsmaßnahmen zur Folge.

Die Reaktion anderer Länder war dürftig: Berichte über die Vernichtungslager lagen ab 1942 vor. Im britischen Außenministerium wurden die Berichte für teilweise übertrieben gehalten. Der Vatikan begrüßte den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion sogar als Krieg gegen den Kommunismus. In den USA galten strenge Einwanderungsbestimmungen. 1942 wurde auf den Bermudas eine Konferenz abgehalten, um den jüdischen Flüchtlingen zu helfen. Konkrete Ergebnisse brachte die Konferenz weniger.

Die Befreiung der Konzentrationslager brachte das Schreckliche zutage. Die Überlebenden waren physisch und psychisch dauerhaft geschädigt. Doch in den ersten Jahren wollte niemand die JüdInnen aufnehmen, die nicht mehr in Europa bleiben wollten, weswegen sie noch Jahre in alliierten Lagern verbringen mussten.

Die Schlusskapitel sind der Aufarbeitung und dem Erinnern an den Holocaust gewidmet. Angefangen bei den Nürnberger Prozessen über den Eichmann-Prozess und seine Schilderung durch Hannah Arendt bis zu künstlerischen Werken. In Westdeutschland war die Strafverfolgung der TäterInnen allerdings schnell zu Ende. Die Bundesrepublik wurde zum Verbündeten im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion und den Kommunismus.

In mehreren Kapiteln werden die Nachwirkungen des Holocaust auf die JüdInnen und das Judentum beschrieben. Die Zentren des Judentums verlagerten sich in die USA und nach Israel. Die jüdische Bevölkerung in Europa existierte fast nicht mehr, die jüdische Infrastruktur war zerstört. Israel wurde zum Hauptzufluchtsort für die Überlebenden. Ein eigenes Kapitel berichtet über die Bedeutung des Holocaust für die israelische Gesellschaft. Hier geht es um die Bemühungen, mit dem Unfassbaren umzugehen, es zu verstehen und zu verarbeiten.

Eine der Stärken der CD-ROM liegt eindeutig im Bildmaterial. Fotos scheinen die dem Medium Computer angemessenste Form zu sein, vor allem, wenn das Lesen der Texte am Bildschirm zu anstrengend wird. Den Bildern sind zum besseren Verständnis Kurztexte beigefügt.

Trotzdem bleiben Kritikpunkte: Leider sind die Ton und Filmaufnahmen, die sich in der Abteilung Biographie finden, nicht mit Zeit und Ort gekennzeichnet, weswegen die Einordnung schwer fällt. Die Übersicht über die Wahlergebnisse in der Weimarer Republik ist eigentlich einer der Plus-Punkte der CD-ROM. Doch hier fällt die Zusammenstellung durch eigenartige Charakterisierungen der einzelnen Parteien auf: Die NSDAP bekommt das Attribut Nazi-Partei, die DVP ist rechts, die KPD wird unter äußerste Linke geführt. Inhaltlich problematisch ist es auch, wenn die TäterInnen den Opfern gleichgestellt werden: „Die Juden litten zusammen mit vielen anderen Deutschen. Doch die Welt hüllte sich in Schweigen.“In der Erklärung zum Aufstieg der NationalsozialistInnen heißt es, „die Nazis vereinnahmten die Parteien des rechten und mittleren Flügels“. Wer so erklärt, erklärt wenig beziehungsweise umschifft sprachlich geschliffen eine der Ursachen für die Machtergreifung der NSDAP: die Unterstützung durch die Parteien des „rechten und mittleren Flügels“. Dass auch die Unterstützung des Ermächtigungsgesetzes durch die Zentrumspartei nicht explizit erwähnt wird, passt in diese Art der Geschichtsdarstellung.

Die Texte sind fast zu lang, um sie am Bildschirm zu lesen. Andererseits sind sie für eine gründliche Einführung in die Thematik eindeutig zu kurz. Ein Text über die Wahlen in der Weimarer Republik kommt kaum über die Aufzählung der Wahlergebnisse hinaus. Eine inhaltliche Verknüpfung zum Kapitel „Die Weimarer Republik“, in dem die Zusammenhänge erklärt werden, gelingt nur schlecht.

Beim Anschauen der CD-ROM ist schnell festzustellen: Das Bild-, Radio- und Filmmaterial macht die CD-ROM durchaus interessant. Von den Inhalten her kann sie je nach Kenntnisstand das eine oder andere Detail noch mal ins Gedächtnis zurückrufen. Vorkenntnisse sind allerdings nötig. Auch über all das, was weggelassen wurde. Wo sind denn beispielsweise die industriellen Kreise, die den Aufstieg Hitler beförderten? Sie tauchen nur in der Biographie Hitlers auf. Da wird aber nichts genaueres über die Art der Unterstützung, die sie Hitler zukommen ließen, geschrieben. Geschweige denn warum. Stattdessen wird die Wirkung beschrieben, die Hitler auf die Industriellen und Geschäftsleute hatte. Auch sie wurden, so legt der Text nahe, verführt: „Hitler wurde bekannt dafür, selbst die dickköpfigsten Geschäftsleute und Militärangehörigen zu verleiten.“


Autor: Dirk Eckert