Alcatel

Erst abkassiert, dann geschlossen

Sozialistische Zeitung - SoZ, 30.09.1999, Nr. 20, S. 2

Sozialistische Zeitung - SoZ

Die Besetzung des Kabelwerks Berlin-Neukölln geht in die dritte Woche. Seit dem 13. September 1999 protestiert die Belegschaft gegen die drohende Schließung des Werkes des zu Alcatel SEL gehörenden Unternehmens. Alcatel SEL gehört zum französischen Alcatel-Konzern. Deshalb wandten sich die BesetzerInnen auch direkt an das französische Unternehmen und protestierten vor dem Hauptsitz in Paris.

Ende 1991 hatte Alcatel das Kabelwerk von AEG übernommen. In den Jahren 1994 und 1995 wurde massiv Personal abgebaut. Inzwischen schreibt das Kabelwerk wieder schwarze Zahlen. Um so größer ist das Unverständnis darüber, dass das Unternehmen geschlossen werden soll. „Für schwarze Zahlen verteilt Alcatel rote Karten“, heißt es auf einem Plakat der BesetzerInnen.

Im Mai dieses Jahres hatte der Elektronikkonzern angekündigt, bis Ende 2000 insgesamt 950 Arbeitsplätze zu streichen. Allein 1999 sollen 700 Arbeitsplätze wegfallen, im Jahr 2000 weitere 250. Weltweit will der Konzern 12.000 seiner 120.000 Beschäftigten entlassen. Allein in den letzten vier Jahren wurden weltweit 30.000 Stellen abgebaut.

Als Grund gab das Unternehmen einen Umsatzrückgang von 30% auf 3,7 Mrd. Mark allein im Jahr 1998 an. Der Rückgang sei durch einen Geschäftsrückgang im Inland sowie durch die Wirtschaftskrise in Russland und in Asien verursacht. Teilweise ist er allerdings auch auf Verkäufe wie die SEL Verteidigungssysteme GmbH oder die Alcatel Air Navigation Systems zurückzuführen.

1998 machte das Unternehmen nach Steuern einen Verlust von 49,9 Mio. Mark. Auch im laufenden Geschäftsjahr sei mit einem Fehlbetrag zu rechnen, sagte der Vorstandsvorsitzende Gottfried Dutine. Allerdings gehe er von einer deutlichen Umsatzsteigerung aus. Dazu tragen insbesondere die Bereiche Software und Service mit einer Steigerung von 113% und Internetzugangssysteme mit 139% bei.

Trotz der Verluste bekommen die Aktionäre eine Dividende von 10,60 Mark je Aktie, auf das Grundkapital wird ein Bonus von 14,50 Mark je Aktie gezahlt. Das Geld fließt vor allem an den Mutterkonzern nach Paris, der 99,6% der Anteile hält.

Das Neuköllner Alcatel-Werk mit seinen 170 MitarbeiterInnen soll zu Jahresende geschlossen werden. Im Vorjahr hatte das Werk noch eine Millionen Mark Gewinn gemacht. „Trotz Gewinn entlassen“ hieß es auf Transparenten, mit denen die Beschäftigten zum Roten Rathaus in Berlin zogen.

Unterstützung erhielten sie von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). „Der Vorstand von Alcatel hat uns belogen, hat sein gegebenes Wort, sich für die Erhaltung des Berliner Standorts stark zu machen, nicht eingehalten“ erklärte er auf der Protestkundgebung. Sein Eindruck sei, dass einzelne internationale Konzerne in Berlin nur deshalb Betriebe einkauften, um in den Markt zu gelangen. Später würden die MitarbeiterInnen entlassen.

Diepgens Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) hatte vom Konzern eine genaue Begründung gefordert. Das Management hat daraufhin seine Ansicht bekundet, über ein „Konzept zu sprechen, um die Produktion in Berlin möglichst zu erhalten“. Doch auf Konkreteres ließ es sich nicht ein.

Nach ersten Gerüchten über Werksschließung im Januar hatte die Belegschaft bereits weitgehende Zugeständnisse gemacht. Sie verzichtete auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, forderte keine Tariferhöhungen. „Doch das alles nutzte nichts. Unsere Vorleistungen wurden nicht zur Kenntnis genommen“, sagte der Betriebsratsvorsitzende gegenüber der Welt. Damals hatte der Alcatel-Vorstand noch alles dementiert. Die Schließungsbefürchtungen seien nichts weiter als „Panikmache“.

„Diese Politik der multinationalen Konzerne hat weltweit bereits Millionen Arbeitsplätze gekostet – während die Gewinne und Aktienkurse steil nach oben gehen. In Berlin waren einige der letzten Fälle AEG-AMC und Akzo-Nobel“ schreiben die BesetzerInnen in einem Aufruf. „Überall wurden zunächst Steuergelder als Subventionen abkassiert. Mit dem Argument, die ‚Globalisierung‘ sei allmächtig, wurde die folgende Arbeitsplatzvernichtung nur allzu oft hingenommen.“


Autor: Dirk Eckert