Mitleid ist fehl am Platz

Rezension des Buches

philtrat, 30.04.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 28, S. 22/23

philtrat Rezension

Mit seinem Buch „Mitleid ist fehl am Platz“ Über Vernichtungskrieg und Gewalt hat Werner Brill ein Buch vorgelegt, das das Thema Wehrmacht von einer ungewohnten Seite aufreißt und nicht in den Rahmen der bisher über und um die Wehrmachtsausstellung erschienen Bücher paßt. Keine Aufsatzsammlung, keine Redensammlung, sondern ein Buch, das sich an die „interessierte Öffentlichkeit“ wie an „Multiplikatoren in der Bildungsarbeit“ wendet. So besteht das Buch hauptsächlich aus Originalquellen mit Hintergrundinformationen und pädagogischen Fragen zur Bearbeitung der Texte. Auf eigene Darstellung und Analyse hat Brill weitgehend verzichtet.

Geistige Grundlagen des Vernichtungskrieges machen den ersten Teil des Buches aus. Hier finden sich Texte zu Rassismus und Antisemitismus wie zur Erziehung im Nationalsozialismus. Besonders gelungen ist das recht ausführliche Behandlung des Themas „Sozialdarwinismus und Eugenik“: ‚Wissenschaftliche‘ Literatur über ‚Minderwertige‘ und ‚Schmarotzer‘ hatte Tradition in Deutschland und ging in die Ideologie der Nationalsozialisten ein.

Hinter dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion stand die Idee, „Lebensraum im Osten“ zu gewinnen, genauso wie die „Ostvölker als Arbeitssklaven“ für die siegreiche und überlegene deutsche Rasse einzusetzen. Hierhin würde auch der Kampf gegen den Bolschwismus gehören, doch leider hat Brill hierfür keinen Platz gefunden. Schade, denn im dritten Teil über die Entwicklung nach 1945 kommt er auf die Fortsetzung des Antikommunismus zu sprechen.

Brill dokumentiert Vernichtungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung, bei denen SS-Einsatzgruppen, Polizei und Wehrmacht zusammenarbeiteten. Auch die einschlägigen Befehle der Wehrmacht wie „Kommissarbefehl“, der „Befehl zur Kriegsgerichtsbarkeit“ oder der sogenannte „Nacht-und-Nebel-Erlaß“ sind dokumentiert. Und nicht zuletzt auch der „Befehl zur Bandenbekämpfung“, der die Truppe ermächtigt, „im Bandenkampf“ „ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden“.

Im Nürnberger Prozeß wurde die Wehrmacht nicht als verbrecherische Organisation verurteilt. Das Urteil wurde formal begründet, aber an den Verbrechen der Wehrmacht selber ließen die Richter keine Zweifel. Lediglich das sowjetische Mitglied des Gerichts äußerte sich abweichend. Beides – Urteilsspruch und abweichende Meinung – hat Brill in Auszügen dokumentiert.

Mit Kontinuitäten und Brüchen nach 1945 beschäftigt sich der dritte Teil des Buches. Nicht nur Kalter Krieg, alte und neue Feindbilder und Wiederbewaffnung werden behandelt. Auch die Debatte um das Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ und Rechtsextremismus in der Bundeswehr sind vertreten. Wie Brill deutlich macht, hat Rechtsextremismus in der Bundeswehr eine Vorgeschichte: So wurden Legenden wie die von der „sauberen“ Wehrmacht oder die Legende vom Präventivkrieg in die Welt gesetzt.

Andere Beispiele für Kontinuität: die Wiederverwendung von ehemaligen SS-Offizieren in der Bundeswehr. Dafür gab es entsprechende „Übersetzungstabellen“: ein Sturmbannführer der Waffen-SS erhielt in der Bundeswehr den Dienstgrad eines Majors. Auch der Antikommunismus wurde nach 1945 als Feindbild aufrechterhalten. Daß es eine Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland von 1871 bis 1945 gegeben hat, vertrat 1979 Fritz Fischer in seinem Buch „Bündnis der Eliten“. Auch hiervon ist ein Auszug dokumentiert.

Völlig mißlungen ist leider das letzte Kapitel über „Kriege der Zukunft“. Hier geht es vor allem um Rohstoffe und und wie die Konkurrenz um den Zugang zu Rohstoffen wie Erdöl zur Kriegsursache werden kann. Dabei wird nahegelgt, daß es sich hier um eine der zentralen Konfliktursachen der Zukunft handelt. Als ein Ausweg wird der Einstieg ins Solarzeitalter empfohlen, wobei auch ein Buch des Esoterikers Franz Alt genannt wird. Insgesamt wirkt das Thema dieses Kapitels zu beliebig. Genauso gut hätte Brill über „Landminen“ oder „Handfeuerwaffen“ schreiben können. Oder dieses Kapitel weglassen können, was das Beste gewesen wäre.

Das Buch solle keine Anleitung zum Besuch der Wehrmachtsausstellung sein, wie Brill in der Einleitung schreibt. Vielmehr habe er die Ausstellung und die darauf folgende Debatte zum Anlaß genommen, das Thema in einen größeren Zusammenhang zu stellen – für Brill das Thema „Gewalt, Feindbild, Vernichtungskrieg“. „Aufklärung über historische Fakten“ sei das Ziel des Buches.

Werner Brill: „Mitleid ist fehl am Platz“. Über Vernichtungskrieg und Gewalt. Pädagogische Materialien, Blattlaus Verlag, Saarbrücken 1999, 17,80 Mark.


Autor: Dirk Eckert