Gewalt in Peru

Ein Gespräch mit dem Ex-Bundestagsabgeordneten der Grünen Walter Schwenninger

Bundschuh, 31.05.1997, Zeitung der Fachschaft der Geschichte der Universität Köln, S. 11-14

Interview

Bundschuh: Peru war Anfang dieses Jahres in den Schlagzeilen, als Mitglieder der Tupac Amaru in der japanischen Botschaft Diplomaten und hochrangige Regierungsvertreter als Geiseln nahmen. Wie ist Tupac Amaru Deiner Ansicht nach einzuschätzen?

Walter Schwenninger: Die Tupac Amaru/MRTA sind eine revolutionäre Partei. Der Name „Tupac Amaru“ wurde gewählt nach einem Aufständischen, der im Jahre 1784 in Cusco von den Spaniern gevierteilt worden war. Die Tupac Amaru sind eine Gruppe, die sich vor etwa 15 Jahre gegründet hat. Aufgefallen sind sie in den letzten Jahren durch Entführungen.

Anfangs wurde den Tupac Amaru-Leute viel Sympathie aus der Bevölkerung entgegengebracht, weil sie in den Elendsvierteln Nahrungsmittel verteilt haben. Später haben sie sich klar der Gewalt verschrieben. Das war allerdings immer eine andere Form von Gewalt, nicht diese brutale, offene, schockierende Gewalt, die der Sendero Luminoso (dt.: Leuchtender Pfad – DE) ausgeübt hat.

Wenn man aber über die Gewalt von Tupac Amaru spricht, muß man auch immer fragen, warum so eine Gewalt in Peru aufgekommen ist. Man muß über strukturelle Gewalt sprechen, und erklären, wie es überhaupt zu solchen Formen wie Leuchtender Pfad und Tupac Amaru kommen konnte. Da ist die große Ungerechtigkeit in dem Land zu nennen. Die Politik der vergangenen dreißig Jahre, der verschiedenen Präsidenten, auch des linken Regimes, hat es nicht geschafft, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. IWF und Weltbank konnten auch keinen Frieden schaffen, sondern haben weiterhin die Ungerechtigkeit zementiert: Und der Staat war in den letzten 17 Jahren selber gewaltätig. Er hat durch die Kommandos, die den Leuchtenden Pfad verfolgen sollten und die dann Massaker begangen haben, Unrecht begangen.

Wir haben in Peru einen Unrechtsstaat, einen offiziellen Unrechtsstaat. Selbst die Bundesrepublik spricht Peru im Augenblick die Rechtsstaatlichkeit ab, was mich freut und wo ich sogar mit Außenminister Kinkel einer Meinung bin. Präsident Alberto Fujimori hat in den vergangenen sieben Jahre seiner Amtszeit zunächst einmal einen Autogolpe, einen Selbstputsch gemacht. Nur mit Hilfe der Militärs konnte er sich überhaupt an der Macht halten. Er hat Sparmaßnahmen durchgesetzt, die die Ungerechtigkeit in Peru noch vergrößert haben. Das neoliberale Wirtschaftssystem, das Fujimori in den letzten fünf, sechs Jahren versucht hat einzuführen, führte zwar zu einem Wachstum von anfangs acht bis zehn Prozent. Aber jetzt sind nur noch zwei Prozent zu verzeichnen. Das hat aber dazu geführt, daß die Arbeitslosigkeit und die offene Armut viel größer geworden sind als vorher.

Bundschuh: Zur Politik von Fujimori: Fujimori ist verstärkt gegen Organisationen wie Sendero Luminoso vorgegangen und hat auch gewisse Erfolge erzielt. Welche Auswirkungen hatte dieses härtere Vorgehen gegen Terroristen auf die Menschenrechtspolitik der Regierung? Waren davon auch Leute betroffen, die nichts mit Terroristen tun hatten und nur verdächtigt wurden, mit ihnen zu sympathisieren?

Walter Schwenninger: Das war schon immer Tradition aller Präsidenten, auch Alan Garcia und Belaúnde, Leute, die Menschenrechtsarbeit gemacht haben, in einen Topf mit Terroristen zu werfen, ob mit Sendero-Leuten oder mit MRTA-Leuten wie in den letzten vier Monaten. Unsere Freunde, die in den Menschenrechtsorganisationen arbeiten, wie zum Beispiel Coordinadora National de Derechos Humanos, das ist der wichtigste Dachverband aller Menschenrechtsorganisationen, oder Aprodeh Asociation Pro Derechos Humanos, die mußten sich in den vergangenen Monaten dauernd gegen den Vorwurf verteidigen, sie wären MRTisten, d. h. also Anhänger von MRTA. Und das nur, weil sie Rechtsstaatlichkeit forderten, weil sie eine gewaltfreie Lösung der Entführung wollten. Jeder in Peru wollte in den letzten vier Monaten eine gewaltfreie Lösung dieses Konflikts, und die lag auch in der Luft, nämlich, die Terroristen nach Kuba auszufliegen und einige der willkürlich Verhafteten von Tupac Amaru freizulassen. Aber die sinkenden Sympathiezahlen von Fujimori, seine schwindende Popularität, führten dazu, daß er plötzlich den starken Mann gespielt hat und doch auf die gewaltsame Befreiung gesetzt hat. Leider waren vierzehn Tote auf Seiten der Tupac Amaru, zwei auf Seiten der Militärs und eine Geisel, die ums Leben kam, zu beklagen.

Natürlich kann man terroristische Gewalt nicht einfach hinnehmen. Man muß einem solchen Terror irgendetwas entgegensetzen. Ein Staat kann sich das nicht einfach bieten lassen. Aber es wäre durchaus möglich gewesen, den Konflikt gewaltfrei zu lösen. Das wollte sogar Cypriani, der Erzbischof von Ayacucho, der als Vermittler dabei war. Ich glaube nicht, daß seine Tränen nicht echt waren. Und Polizeipräsident Ketin Vidal, der die Sendero-Mitglieder hinter Gitter gebracht hatte, ist aus Protest zwei Tage vor dem Sturm auf die japanische Botschaft zurückgetreten; weil er wußte, daß es jetzt auf eine gewaltsame Lösung zugeht. Er hatte sich eine andere Lösung ausgedacht, nämlich zu verhandeln und zu versuchen, den Konflikt friedlich zu lösen. Diese Idee ging dann leider im Kugelhagel der Erstürmung zugrunde.

Auch in den letzten sieben Jahren hat Fujimori die Menschenrechte mit Füßen getreten. Er hat über 3000 Leute willkürlich verhaften lassen. Kritische Geister, Ökologen wurden einfach verhaftet unter dem Vorwurf, sie seien Leuchtende Pfad-Anhänger oder MRTA-Anhänger. Über 3000 Leute sitzen unschuldig im Gefängnis. Und er hat vor anderthalb Jahren ein Amnestiegesetz erlassen, das besagt, daß jeder, der in den letzten 17 Jahren in Uniform gemordet hat, straffrei ausgeht.

Das kann eine Völkergemeinschaft nicht hinnehmen. Deswegen denke ich, daß man mit so einem Staat nicht mehr so verfahren darf wie mit einem anderen, normalen Staat. Man müßte zum Beispiel Druckmittel von außen einsetzen, d. h. drohen, die finanzielle Entwicklungshilfe zu stoppen, oder sie tatsächlich auch mal stoppen.

Bundschuh: Aber andererseits, innenpolitisch scheint Fujimori doch Erfolg gehabt zu haben mit der gewaltsamen Beendigung des Geiseldramas.

Walter Schwenninger: Ja, das stimmt, die ersten Umfragen waren sehr positiv, aber heute, am 21. Mai 1997, lese ich in der Zeitung, daß seine Polpularität wieder auf 42 Prozent gesunken ist. Offensichtlich war es nur der Überschwang der ersten Gefühle, weil alle froh waren, daß diese so lange dauernde Geiselnahme endlich vorbei war. Niemand hat richtig nachgedacht, was eigentlich genau gelaufen ist. Aber nach den Diskussionen und der Arbeit unserer Freunde in den Menschenrechtsorganisationen kommt immer mehr ans Tageslicht, und die Stimmung schlägt langsam um. Daß die Wahrheit jetzt deutlich in den Zeitungen in Peru steht, führt dazu, daß die Sympathiekurve wieder fällt.

Bundschuh: Was waren die indirekte Wirkungen dieser drei Monate dauernden Geiselnahme? Einige Journalisten haben vermutet, daß der Sendero Luminoso sich in dieser Zeit wieder sammeln und rekonstituieren konnte, weil Polizei und Militär mit Tupac Amaru beschäftigt waren.

Walter Schwenninger: Das kann schon sein, daß Sendero sich wieder erholt hat, und daß er sich durch die Aktionen von MRTA stimuliert fühlt. In der letzten Woche gab es einen Anschlag mit Schwerverletzten, der auf das Konto von Sendero ging. Ich bedauere es, daß gewaltsame Formen jetzt wieder eingesetzt werden. Peru hat genug von der Gewalt, und deswegen wäre es psychologisch so wichtig gewesen, daß man die Geiselnahme nicht mit Gewalt löst. Mich wundert es nicht, wenn Sendero jetzt wieder aus seinen Löchern gekrochen kommt.

Bundschuh: Bedeutet das wieder Gefahr für die Basisgruppen und Menschenrechtsvertreter? Sendero ist ja bekannt dafür, daß er gegen solche Leute vorgeht.

Walter Schwenninger: So ist es. Da möchte ich Villa El Salvador nennen, die Projektstädtepartnerschaft von Tübingen, im Süden Limas. Maria Elena Moyano, die Bürgermeisterin und Frauenführerin von Villa el Salvador, ist vor fünf Jahren einem Attentat zum Opfer gefallen. Sendero hat Leute, die besonders aktiv waren, als Konkurrenz empfunden und verfolgt. Wir haben das alles hautnah miterlebt. Damals explodierte auch eine Autobombe vor dem Rathaus in Villa el Salvador, viele Menschen wurden schwer verletzt, das Kommunikationszentrum wurde zerstört. Wir haben dann in Tübingen für den Wiederaufbau des Kommunikationszentrums und des Rathauses gesammelt.

Die Gewaltaktion von Tupac Amaru und das gewaltsame Vorgehen des Staates führen dazu, daß wieder auf die Option Gewalt gesetzt wird. Natürlich wird jetzt wieder mehr aufgerüstet, auch im Denken. Zum Beispiel wurden im Dezember 32 Flugzeuge aus Weißrußland gekauft, damit die Armee besonders schlagkräftig bleibt. Ich sehe schon den nächsten Waffengang mit Ecuador kommen, denn bei der Geiselbefreiung haben die Leute die Hymne vom Cenepa-Fluß gesungen, dem Grenzfluß zwischen Ecuador und Peru. Die Militärs haben eine Art Minderwertigkeitskomplex, weil der letzte Waffengang nicht zugunsten von Peru entschieden werden konnte. Durch die Geiselbefreiung sind sie jetzt wieder wer im Staat und haben Oberwasser. In Zukunft wird also wieder auf die Option „Armee, Aufrüstung und Gewalt“ gesetzt, und das ärgert mich furchtbar, denn es gab die Hoffnung, daß es anders geht.

Bundschuh: Also war die Geiselnahme als Aktion letztendlich kontraproduktiv?

Walter Schwenninger: Ja, das haben auch unsere Freunde in Villa el Salvador immer wieder gesagt. Sie machen die harte Knochenarbeit, die Basisarbeit, und die Terroristen machen solche Gewaltaktionen und stehen dann auch noch weltweit in der Öffentlichkeit und können Sympathien bei Leuten gewinnen, die nicht viel darüber nachdenken. Natürlich haben manche die Zeit der Geiselnahme genutzt, auch manche seriöse Journalisten, und sind in die Elendsviertel gegangen und haben nach den anderen, politischen Formen der Bewußtseinsbildung und der Veränderung von unten in Peru gesucht und sind zum Beispiel auch nach Villa el Salvador gekommen, wo sie festgestellt haben, daß die Menschen dort in den letzten Jahren viel erreicht haben. Dort haben die Menschen zusammen für Wasser, für Elektrizität, für bessere Gesundheitsversorgung und für Menschenrechte auf allen Ebenen gekämpft, und, Gott sei Dank, gibt es solche Wege.

Bundschuh: Zurück zu Tupac Amaru und Sendero Luminoso. Worin besteht der pro grammatische Unterschied? Und richtet sich Tupac Amaru auch gegen Menschenrechtsgruppen?

Walter Schwenninger: Nein, gerade nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied. Sendero Luminoso war eine sektiererische Gruppe, beeinflußt von Maos Gedankengut. Abimael Guzman hat sich als das vierte Schwert der Revolution bezeichnet, und er nahm die absolute Wahrheit für sich in Anspruch. Alles war sehr autoritär, von oben nach unten gegliedert. Die Gewalt, die sie angewendet haben, sollte in der Weise abschreckend wirken, daß jeder, dem Gewalt angedroht wird, zu ihnen kommt, nach dem Motto: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag‘ ich dir den Schädel ein.“ Diese Maxime haben sie angewandt, mit den Methoden der Lösegeldforderung, der Zwangsrekrutierung und der öffentlichen Hinrichtungen in den Dörfern, in die sie eingedrungen sind. Friedensrichter, Bürgermeister und Priester haben sie öffentlich hingerichtet, um deutlich zu machen, daß sie die neue Macht sind. Der Leuchtende Pfad hat sich durch außerordentliche Brutalität ausgezeichnet. Das kann nicht der Weg zur Befreiung eines Volkes sein, daß man von oben, autoritär dem Volk vorschreibt, was es in Zukunft zu tun und zu lassen hat.

Der Leuchtende Pfad war auch in den Elendsviertel von Lima aktiv. Wir hatten damals Freunde, die uns das alles genau erzählt haben. Er ist auch in die Volksorganisationen eingedrungen und hat dort genauso mit Terror gearbeitet. Leute, die nicht mitgemacht haben, wurden plötzlich in einer Kloake ermordet aufgefunden. Und offene Todesdrohungen wurden von den Leuten sehr ernst genommen. Wenn jemand eine in der Öffentlichkeit erhielt, dann ist er meistens außer Landes gegangen.

Bundschuh: Sendero Luminoso hatte seine Basis vor allem auf dem Land. Dort hat er teilweise auch den Drogenhandel kontrolliert, und…

Walter Schwenninger: Genau, und zwar in der Urwaldregion beim Huallaga-Fluß. Ihr Geld haben sie dort durch den Drogenhandel bekommen, mit dem sie ihren bewaffneten Kampf finanzieren konnten. Das Ende des Senderos war dann das Attentat in der Straße Tarata in Lima, wo ungefähr 40 Leute durch eine Autobombe ums Leben gekommen sind. Da haben die Menschen dann die Mauer des Schweigens durchbrochen und die Senderisten angezeigt. Jetzt konnte der Staat zugreifen.

Bundschuh: Noch mal zu Tupac Amaru, was sind deren Ziele? Tupac Amaru ist ja eine eher städtische Bewegung, im Gegensatz zu Sendero Luminoso.

Walter Schwenninger: Man kann eines sagen: Tupac Amaru ist nicht so autoritär, obwohl das Auftreten von Cerpa auch autoritär war. Er hatte das große Sagen. Er hat Jugendliche, Mädchen von 15 Jahren, in diesen Kampf mithineingezogen, die dann umgebracht wurden. Aber man kann sagen, MRTA war mehr in der Stadt aktiv, aber auch auf dem Land, im Huallaga-Tal. MRTA war auf jeden Fall nicht so blutrünstig wie Sendero. Die Art der viermonatigen Entführung hat das gezeigt.

Bundschuh: Tupac Amaru haben auch keine Aktionen wie zum Beispiel „bewaffnete Streiks“ gemacht?

Walter Schwenninger: Die sogenannten bewaffneten Streiks des Senderos waren für mich immer das Schlimmste. Wer auf die Straße geht, wer auf den Markt geht, wird dann erschossen. Man überlege sich nur, daß der Streik für die Internationale Gewerkschaftsbewegung das wichtigste Kampfmittel ist, das hier ins Gegenteil umgewandelt wird, nämlich in die autoritärste Form! Durch solche Methoden ist vielen Leuten klar geworden, daß Sendero keine Befreiungsorganisation sein kann.

Walter Schwenninger, geb. 1942 in München, war von 1983 bis 1985 Abgeordneter der Grünen im Bundestag, ist Mitbegründer des Tübinger Weltladens und arbeitet dort im Peru-Arbeitskreis mit. Seine Schwerpunkte sind Dritte-Welt-Arbeit, Rüstung und Hunger sowie kommunale Entwicklungspolitik.


Autor: Dirk Eckert