Mit Allah und den Deutschen

Die Regierung von Saudi-Arabien kontrolliert den Internetzugang ihrer Bürger mit deutscher Technik und lässt sie nur sehen, was sie für gottgefällig hält. Aber für die Reichen gilt diese Zensur nicht

taz - die tageszeitung, 22.08.2002, S. 14

taz - die tageszeitung

Im Königreich Saudi-Arabien ist das Internet nicht fei zugänglich. Unter Aufsicht der Regierung betreibt die „Internet Services Unit“ (ISU) in der Hauptstadt Riad einen so genannten Proxyserver. Sämtliche Firmen, die Internetzugänge an Private vermitteln, müssen an diesen zentralen Rechner angeschlossen sein. Die Datenströme, die legal in das Königreich hinein- oder hinausfließen, können an dieser Schaltstelle kontrolliert und gefiltert werden.

Ein Forschungsprojekt der Harvard Law School hat jetzt erstmals dokumentiert, was dieser technisch nur schwer überwindbaren Zensur zum Opfer fällt. Die Projektleiter Jonathan Zittrain und Benjamin Edelman vom „Berkman Center for Internet and Society“ der Harvard-Universität durften sich mit Zustimmung der ISU in das saudi-arabische Internet einlogen. Das Ergebnis bestätigt alle Befürchtungen: Von 64.557 getesteten repräsentativen Websites waren 2.038 in Saudi-Arabien gesperrt. Zittrain und Edelman folgern daraus, die saudische Regierung habe aktives Interesse daran, keineswegs nur Seiten zu filtern, die mit Sexualität zu tun haben. Zensiert werden vielmehr auch Inhalte aus den Bereichen Religion, Gesundheit, Bildung, Humor und Unterhaltung. Gesperrt sind etwa die Internetauftritte des Magazins Rolling Stone, des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, der Warner Brothers Records, der Hisbollah, der israelischen Armee und die Webseiten von amnesty international, die sie sich mit Saudi-Arabien befassen. Exakt 246 Adressen, die das Yahoo-Verzeichnis in der Sparte „Religion“ aufführt, sind unerreichbar: In der Kategorie „Christentum“ 67 Seiten, in der Kategorie „Islam“ 45, bei „Heidentum“ 22, bei „Judentum“ 20 und bei „Hinduismus“ 12.

Fest im Glauben

Die Existenz eines Filtersystems für ganz Saudi-Arabien ist oft kritisiert worden, etwa in einem Bericht von Human Rights Watch zur Zensur des Internets im Nahen Osten aus dem Jahr 1999. Aber die ISU fühlt sich im Recht. „Sie sind völlig offen mit dem, was sie tun und warum“, berichtete Jonathan Zittrain dem Boston Globe, „ich denke nicht, dass sie meinen, es müsste ihnen peinlich sein. Vielleicht denken sie jetzt anders, seit unsere Studie veröffentlicht ist.“

Doch das ist zu bezweifeln, denn die ISU preist das Verfahren auf der eigenen Homepage an, informiert die Nutzer bereitwillig über seine Vor- und Nachteile und rechtfertigt sich mit Versen aus dem Koran: „O mein Herr, mir ist Gefängnis lieber als das, wozu sie mich einladen; und wenn du nicht ihre List von mir abwendest, so könnte ich mich ihnen zuneigen und der Törichten einer sein. Also erhörte ihn sein Herr und wendete ihre List von ihm ab.“

Allah ist groß, doch Heinz Grotzfeld, Professor für Islamistik an der Universität Münster, findet, die Auslegung des Korans sei in Saudi-Arabien „äußerlich und wörtlich“. Die ISU selbst will Vorkämpfer gegen die Männergewalt sein und nutzt dafür gerne westliche Erkenntnisse: Eine Studie von Cass Sunstein im Duke Law Journal habe nämlich gezeigt, dass bei strengen Gesetzen gegen Pornografie die Zahl der Vergewaltigungen zurückgehe. Die US-Staaten Alaska und Nevada etwa seien die beiden Bundesstaaten mit dem meisten pornograpfischen Material. Dort sei die Zahl der Vergewaltigungen bis zu achtmal höher als andernorts.

Entwicklungshilfe

Internetanschlüsse für Universitäten und Forschungseinrichtungen gibt es in Saudi-Arabien seit 1994. Erste Providerfirmen für private Anschlüsse wurden erst 1999 zugelassen. Auf den eigenen Webseiten der ISU kann jeder Netzuser weitere Domainnamen zur Sperrung empfehlen – aber auch beantragen, bestehende Sperrungen wieder aufzuheben.

Vorausetzung dafür ist aber ein freier Zugang zum Netz. Das System privilegiert die Reichen im Lande: Wer über einen eigenen Computer und ein Modem verfügt, kann über ausländische Provider ins Netz gehen und dort die verbotenen Seiten einsehen. Das einzige Hindernis sind die hohen Onlinekosten für eine Verbindung ins Ausland. Eine Minute nach Bahrain kostete 1999 zwischen 60 und 80 US-Cent, nach Europa und in die USA sogar zwischen 1,70 und 2,10 Dollar.

Auf die Umgehbarkeit der Zensur verweist auch die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Zusammen mit dem Rechenzentrum der Universität Mannheim (RUM) hatte sie 1997 eine entsprechende Ausschreibung gewonnen und die Technik des Zensurservers in Riad installiert. Die Einführung des Internets in Saudi-Arabien sei ein „gewaltiger Schritt nach vorne, argumentiert ein Mitarbeiter. Früher seien nur wenige Exemplare des Magazins Spiegel in das Land gekommen, die auch noch von Hand geschwärzt worden seien. Jetzt hätten die Bürger erstmals Zugriff auf Informationen aus aller Welt. In der Tat, das ergab auch die Harvard-Studie, können die Saudis unzensiert durch die CNN-Seiten surfen. Der Zensur insgesamt gibt der GTZ-Mitarbeiter ohnehin wenig Chancen: „Die Inhalte im Netz ändern sich zu schnell. Und das Blockieren einzelner Seiten sei auch in anderen Ländern üblich. In Deutschland sperrten Provider pornografische oder antisemitische Inhalte. In Saudi-Arabien werde das exzessiver betrieben. „Es ist aber nicht einzigartig.“

Dass aber ausgerechnet Seiten mit antisemitischen Inhalten in Saudi-Arabien blockiert werden, hat die Harvard-Studie nicht ergeben. Nicht alle deutschen Wissenschaftler und Programmierer haben ihre Beteiligung an dem Auftrag der Scheichs so unbekümmert gesehen, räumt der Diplomingenieur Franz-Josef Jochem von der Universität Mannheim ein. Ob sie da mitmachen sollten, sei bei ihnen „viel diskutiert“ worden, erzählt er. Letztlich habe aber die Aussicht auf eine Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten den Ausschlag gegeben. Und Jochem ist sich sicher: „Informationen lassen sich nicht aufhalten.“

Vielleicht aber doch, wie die Harvard-Studie zeigt. Die amerikanischen Wissenschaftler sehen die Zensur keineswegs als unwirksam an. Jonathan Zittrain befürchtet vielmehr, dass sich das Internet von einem globalen und grenzenlosen Netzwerk in viele verschiedene nationale Netze verwandelt.


Autor: DIRK ECKERT