„Für eine solidarische Organisation“

Ein philtrat-Gespräch mit studentischen Mitgliedern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

philtrat, 30.09.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 30, S. 6/7

Interview philtrat

Was ist GEW? Mit Constanze Essler und Dirk Müller, beide Mitglieder der GEW-Studierendengruppe sprach für die philtrat Dirk Eckert. Constanze Essler ist 24 Jahre alt und studiert Germanistik, Geographie und Musikwissenschaften. Sie ist Landessprecherin der Studierenden in der GEW in Nordrhein-Westfalen und Mitglied der Studierenden- und DoktorandInnengruppe in Köln. Dirk Müller studiert Geographie auf Diplom. Der 33-jährige ist Sprecher der GEW-Studierenden- und DoktorandInnengruppe in Köln.

philtrat: Was macht die GEW-Studierenden- und DoktorandInnengruppe Köln?

Essler: GEW steht nicht für „Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerke“, sondern für „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“, und das ist die Bildungsgewerkschaft, so nennt sie sich seit neuestem. Da sind auch Studierende organisiert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist für den Hochschulbereich zuständig. Also einmal für die Angestellten an der Hochschule, aber auch für hochschulpolitische Fragen. Da können sich auch Studierende betätigen. Es gibt studentische Strukturen auf allen Ebenen, auf Orts-, Landes- und Bundesebene, die autonom sind. In Köln hat sich vor kurzem auch eine Studigruppe gegründet: Da ist Dirk der Sprecher.

Müller: In Köln gibt es einmal die Studierenden- und DoktorandInnengruppe, und es gibt den Stadtverband. Die Studierendengruppe hier befindet sich gerade im Aufbau. Wir sind jetzt um die fünf Leute und suchen natürlich noch MitstreiterInnen.

Der Stadtverband bietet für Studierende, gerade für Lehramtsstudierende, Serviceangebote. Das läuft über das Hochschulinformationsbüro. Jedes Semester gibt es Informationsveranstaltungen für Lehramtsstudierende und zu Jobben. Oft finden auch innergewerkschaftliche Seminare statt, die zu solchen Themen angeboten werden.

Das Hochschulinformationsbüro wird von Constanze betreut. Ihre Aufgabe ist es auch, die Studierenden- und DoktorandInnengruppe zu unterstützen.

Essler: Das politische Selbstverständnis der Studierendengruppe ist der gewerkschaftliche Gedanke – neben dem hochschulpolitischen. Wir wollen die Leute sensibilisieren für eine solidarische Organisation. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich zu organisieren und seine Rechte auch wahrzunehmen. Das ist auch mein Grund gewesen, warum ich in die Gewerkschaft gegangen bin, auch als passives Mitglied. Wenn ich Probleme habe, bekomme ich von der Gewerkschaft Rechtsschutz. Die Gewerkschaft kann auch auf der politischen Ebene Einfluss nehmen, gerade was die Zukunft der Arbeitswelt angeht.

Müller: Es geht darum, gemeinsam seine Interessen zu vertreten. Der Gedanke, alles alleine zu machen, ist weit verbreitet. Daher haben die Gewerkschaften sehr große Probleme mit ihren Mitgliederzahlen. Umso wichtiger ist es deshalb, an die Studierenden ranzukommen.

philtrat: Wie lange seid Ihr beide schon dabei?

Essler: Ich bin jetzt ein Jahr als aktives Mitglied dabei, und passives Mitglied bin ich seit anderthalb Jahren.

Müller: Bei mir ist es jetzt etwa ein dreiviertel Jahr her, dass ich in die GEW eingetreten bin. Es ist allerdings nicht notwendig, Gewerkschaftsmitglied zu sein, um in der Studierenden- und DoktorandInnengruppe mitmachen zu können.

philtrat: Was sind Eure Arbeitsschwerpunkte?

Essler: Im letzten Semester haben wir hier an der Uni eine Podiumsdiskussion zur Bildungsfinanzierung veranstaltet, in der das Modell der Hans-Böckler-Stiftung zur Bildungsfinanzierung einem von uns favorisierten Modell der Grundsicherung gegenübergestellt wurde.

Müller: Auf der Landesebene sollen vor allem die Studierendengruppen koordiniert werden und auch der Kontakt zur Landes-GEW und anderen Fachgruppen gehalten werden. Zum Beispiel arbeiten wir mit der GEW-Fachgruppe „Hochschule und Forschung“ zusammen, in der linke ProfessorInnen und MitarbeiterInnen organisiert sind. Die haben dann auch wieder Kontakte zu den Ministerien.

Essler: Wir äußern uns beispielsweise zum Hochschulgesetz, machen Pressearbeit und gehen als GEW in die Anhörungen. Wir haben durch die gewerkschaftliche Anbindung die Verbindung in die Politik.

Das andere ist, an der Basis, an der Hochschule die Leute zu erreichen. Die Arbeit muss auf mehreren Ebenen stattfinden. Die Studierendengruppe will sich auch in die Hochschulpolitik vor Ort einmischen, was wir im nächsten Semester auch machen werden. Ein großer Vorteil, den wir haben, ist, dass wir eben diese durchgängigen Verbindungen haben.

Müller: Auf Landes- und Bundesebene unterstützen wir außerdem das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren, auch finanziell. In so einer Gewerkschaft gibt es auch die eine oder andere finanzielle Ressource, an die man rankommen kann, wenn es konkrete Projekte gibt, die unterstützt werden sollen. Das ist so gesehen auch ein Vorteil, wenn man so eine Organisation im Rücken hat.

philtrat: Was habt Ihr in nächster Zeit vor?

Müller: Wenn im nächsten Mai die Landtagswahlen sind, versuchen wir, auf der Landesebene und auch lokal das Thema Bildung in den Landtagswahlkampf einzubringen. Das ist unser Thema für die nächste Zeit. Dazu machen wir auf jeden Fall eine größere Veranstaltung an der Uni im Frühjahr.

Essler: Bildungspolitik wird das Thema werden für den nächsten Landtagswahlkampf. Wir versuchen, unseren Teil dazu beizutragen. Es gilt die studentischen, linken Positionen deutlich zu machen, gerade was die Neoliberalisierung der Hochschulen angeht, und da entsprechend gegenzuhalten. Wir versuchen, nicht nur in studentischen Medien präsent zu sein, und den Einfluss, den wir haben, zu nutzen.

philtrat: Ihr mischt Euch jetzt an der Kölner Universität in die studentische Politik ein und macht bei der „Linken Opposition“ mit. Was hat Euch dazu bewogen, Euch gegen den jetzigen AStA zu positionieren?

Essler: Das ist die Frage nach der Rolle, die wir in der Hochschullandschaft einnehmen können. Wir sind keine Hochschulgruppe, wir sind nicht parteigebunden. Was wir auch auf Bundesebene versuchen, ist so eine Art ModeratorInnenrolle unter den ganzen linken Gruppierungen einzunehmen, wo wir es denn können. Und das versuchen wir jetzt auch in Köln.

Es wäre in unserem Interesse, dass der rechte AStA in Köln abgewählt wird, weil wir die politische Arbeit an der Hochschule vermissen, seit es den linken AStA nicht mehr gibt. Da wollen wir unseren Teil dazu beitragen und die linken Hochschulgruppen unterstützen.

philtrat: Was ist Eure Kritik am jetzigen AStA, kurz umrissen?

Müller: Viele AnsprechpartnerInnen sind in der Art nicht mehr da.

Essler: Das Bildungspolitikreferat liegt ja wohl flach. Ich habe versucht, mit den Leuten Kontakt aufzunehmen. Die haben sich nie bei mir gemeldet. Vorher hat das relativ gut geklappt. Mit dem Sozialreferat hatten wir auch eine Veranstaltung gemacht, da waren die Kontakte da. Und die Arbeit war da. Jetzt liegt das relativ darnieder.

Müller: Es gibt da keine gemeinsame politische Ebene. Da wir uns eindeutig als linke Gewerkschaft verstehen, ist die Zusammenarbeit mit einem unpolitischen bis rechten AStA so gesehen schwierig.

philtrat: Was erwartet Ihr Euch von dem Linke-Oppositions-Projekt, außer einem Wahlsieg der Gruppen, die dabei sind?

Essler: Es geht um die Zukunft der Hochschulen, die Zukunft von Bildung und die Zukunft der Gesellschaft. Das kapitalistische Ökonomieprinzip durchdringt immer mehr Lebensbereiche, und der Bildungsbereich ist jetzt der nächste, der dran kommt. Da braucht man soviele MitstreiterInnen wie möglich, um dem gemeinsam etwas entgegenzusetzen.

Müller: Gerade wenn man das neue Hochschulgesetz ansieht oder die Veränderungen des Frauengleichstellungsgesetzes, das sind alles Sachen, wo man jede linke Kraft braucht, um dem Alternativen entgegenzusetzen. Wenn an einer so großen Uni wie Köln die AStA-Referate brachliegen, ist das ein Verlust.

philtrat: Was erwartet Ihr konkret von einem linken AStA? Nehmen wir mal an, es gibt im Dezember wieder einen AStA-Wechsel. Was wären da Eure Wünsche?

Essler: Das erste, was wir uns wünschen, ist, dass es nach der zweiten Woche einen funktionierenden AStA gibt mit einer netten AStA-Vorsitzenden.

Müller: Das darf auf keinen Fall wieder so abgehen wie das letzte Mal. Sollten die Hochschulgruppen wieder monatelang erfolglos über eine AStA-Bildung verhandeln, dann verliert das StudentInnenparlament auch das letzte Fünkchen Glaubwürdigkeit, das es noch besitzt.

Essler: Der zweite Wunsch ist, dass das Politische Mandat der Studierenden wieder voll wahrgenommen wird. Die Arbeit des Antifaschismusreferats, die ja vorher gut gelaufen ist, muss wieder aufgenommen werden.

Die GEW-Studierenden- und DoktorandInnengruppe trifft sich jeden dritten Donnerstag im Monat während des Semesters im Gewerkschaftshaus, Hans-Böckler-Platz 9, 18 Uhr. Das nächste Treffen ist am 21. Oktober 1999. Kontakt: Tel: (0221) 51 62 67, Fax: (0221) 52 54 46. Email: c.essler@smail.uni-köln.de


Autor: Dirk Eckert